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  • Kampf um den Elite-Titel

    Im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb geht es in die letzte Runde. Die Spitzen der Berliner Universitäten hoffen auf einen Sieg, die Studentenvertreter auf eine Niederlage.

    Die Antwort kommt per Mail. Für die deutschen Hochschulen ist es die wichtigste Mail des Jahres. Punktgenau um 14.45 Uhr am Freitag will die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sie verschicken, und sie enthält die Antwort auf eine Frage, die so nie gestellt wurde und für 16 Universitäten doch alles bedeutet: Wer wird Elite-Uni? Wer darf es bleiben? Und wer fliegt raus?

    Die Nervosität an den Hochschulen ist groß. Seit rund sechs Jahren befinden sie sich im Ausnahmezustand. Wissenschaftler haben die aktuellen Trends der Forschung ausgelotet, neue Kooperationen geschlossen, Hunderte Forschungsanträge geschrieben.

    Besuch der Exzellenz-Gutachter

    Sie haben zusätzliche Verwaltungsarbeit auf sich genommen und auch noch das Theater mit den Uni-Begehungen mitgemacht: Wochenlang bereiteten sich die Professoren auf den Besuch der Exzellenzgutachter vor: studierten die Biografien der Gutachter, lernten Antworten auswendig und probten die Inszenierung in Kleingruppen.

    Einige Universitäten hatten vorher noch mal renoviert, um Eindruck zu schinden. Wenn sie jetzt in den drei Förderlinien – Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzept – überzeugen können, dann hat es sich gelohnt. Dann sind sie Elite.

    Vier fallen raus

    Für einige Universitäten ist es die letzte Chance, den begehrten Elite-Titel zu bekommen: Die dritte Runde des Wettbewerbs ist auch die letzte. Neben dem Prestige geht es um sehr viel Geld. 2,7 Milliarden Euro verteilt der Bund unter den siegreichen Universitäten. In der ersten Phase des Wettbewerbs waren es 1,9 Milliarden.

    Insgesamt haben sich 22 Kandidaten beworben, sieben Neubewerber kamen in die engere Auswahl – die Unis Bremen, Bochum, Köln, Mainz und Tübingen, die TU Dresden und die Humboldt-Universität Berlin (HU). Die neun Universitäten, die in der vorigen Runde erfolgreich waren, sind automatisch gesetzt, darunter die Freie Universität (FU) in Dahlem.

    Die Entscheidung treffen die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern, die DFG und der Wissenschaftsrat. Zwölf Unis werden gefördert, vier fallen raus.

    Berliner Derby: HU vs. FU

    In Berlin kommt es deshalb zum Showdown: Auf der einen Seite die HU als Newcomer, auf der anderen Seite die bereits exzellente FU. Im Jahr 2007 galt die Humboldt-Uni als Elite-Favorit und wurde von der FU Berlin ausgestochen – eine bittere Niederlage für Berlins älteste Universität, die unter dem damaligen Präsidenten Christoph Markschies mehr stritt als zusammenarbeitete. Die FU wurde dagegen vom Hochschulmanager Dieter Lenzen knallhart auf Erfolg getrimmt.

    Heute steht die Humboldt-Uni geschlossener da. Der neue Präsident Jan-Hendrik Olbertz hat sie geeint und auch Kritiker der Exzellenzinitiative ins Boot geholt. Selbst Studenten konnten – in beschränktem Umfang – am Exzellenzantrag mitwirken. Der setzt unter dem Titel „Bildung durch Wissenschaft: Persönlichkeit, Offenheit, Orientierung“ auf die Lebenswissenschaften und ein Institut, das zu Nachhaltigkeit, Landnutzung und Globalisierung forschen soll.

    Mit diesem Programm gilt die HU als eine Favoritin im Wettbewerb. Zahlreiche erfolgreiche Exzellenzcluster und Graduiertenschulen empfehlen sie ohnehin. Sollte sie trotzdem verlieren, wäre das ein schwerer Imageschaden: drei Versuche, dreimal gepatzt.

    Aber auch die Freie Universität steht unter Erfolgsdruck. Sie hat in den vergangenen Jahren ihre Exzellenz-Einrichtungen aufgebaut, ihr Konzept der internationalen Netzwerk-Universität führt sie fort. Im aktuellen Antrag setzt sie mit Postdoc-Programmen auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zudem will sie ihr Netzwerk-Konzept auf die Region übertragen und mit bestimmten Forschungseinrichtungen stärker kooperieren.

    Der FU haben die bisherigen Exzellenzgelder genutzt: Sie tritt mit größerem Selbstbewusstsein auf, liegt in Drittmittel- und Universitätsrankings auf den vorderen Plätzen. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Unter den Wissenschaftlern gibt es Spannungen, die Förderung ist ungleicher geworden. Fachbereiche ohne Exzellenzbeteiligung verlieren an Bedeutung, andere geraten durch ihre Beteiligung im Alltagsbetrieb an ihre personellen Grenzen. Wenn die FU nicht in der ersten Liga bleibt, fehlen ihr bis zu 42 Millionen Euro. Sie müsste dann einige Exzellenz-Einrichtungen schließen. Hinzu käme der Eindruck, dass sich die Uni verschlechtert hat.

    Lehre ohne Exzellenz

    Und nicht alle fiebern der Entscheidung so entgegen wie die Hochschulrektoren. Der Wettbewerb wird in vielerlei Hinsicht kritisiert: Bei der Exzellenzinitiative werden vorrangig Anträge bewertet und nicht die Forschung, ermittelt wird quasi die Antragsexzellenz. Zudem hat die Initiative die Konkurrenz unter den Universitäten erhöht und Tendenzen zu Ökonomisierung und Konzentration im Hochschulsystem verstärkt. Einige wenige Unis werden stärker, die anderen bleiben schwach.

    Der für die Masse der Berliner Studenten wichtigste Punkt wird erst gar nicht berührt: die Lehre. Im Gegenteil, an der Freien Universität leidet sie eher. Etwa ein Viertel der mehr als 300 Professoren hat die Lehrtätigkeit reduziert, weil sie sich in Exzellenzprojekte abgeseilt haben. Das Betreuungsverhältnis ist schlecht: Die Studenten suchen in einigen Fachbereichen länger nach Betreuern für ihren Abschluss, die Dozenten wechseln häufig.

    Der FU-Studierendenvertreter Mathias Bartelt sieht die Exzellenzinitiative erwartungsgemäß kritisch: „Ich lehne den Exzellenzwettbewerb ab und auch, wie sich die Uni von den Geldern abhängig gemacht hat.“ Bartelt rechnet mit Kürzungen in den Fachbereichen, sollte die Uni nicht noch einmal erfolgreich sein. An der HU hofft die Studierendenvertretung deshalb auf ein Scheitern der Uni-Bewerbung: „Die Exzellenzinitiative schadet mehr, als sie nützt“, sagt Studierendenvertreter Gerrit Aust. Er befürchtet ähnlich wie Bartelt Kürzungen und die Schließung „kompletter Institute“ nach dem Ende der Exzellenzförderung 2017. An das Ende wollen die Rektoren der Hauptstadt-Universitäten noch nicht denken. Die FU lädt für den Freitagnachmittag nach der Entscheidung bereits zum Sommerfest. Und an der HU gibt es erst Kaffee und Kuchen beim Präsidenten und abends einen Sektempfang. Egal, was am Ende in der Mail steht.

    Der Text ist zuerst in der taz, 15.6.2012, erschienen.

  • “Energiepolitik kann Friedenspolitik sein”

    “Energiepolitik kann Friedenspolitik sein”

    Der Iran setzt nicht nur auf Atomkraft, sondern auch auf  Ökostrom.  Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine große Chance für die Friedenspolitik, sagt Forscherin Heike Walk im Interview

    Frau Walk, Iran ist für sein umstrittenes Atomprogramm und als klassisches Öl-Förderland bekannt. Sie haben den iranischen Energiesektor erforscht. Ihr Ergebnis: Iran baut seine erneuerbaren Energien massiv aus. Will das Land zur grünen Kraft in der Region werden?

    Heike Walk: Dass Iran auf kurze Sicht zu einer grünen Kraft wird, ist der Hoffnung zu viel. In unserer Studie für das Bundesumweltministerium haben wir allerdings festgestellt, dass Iran große Anstrengungen unternimmt, seinen Energiesektor zu diversifizieren. Einerseits mithilfe der Atomkraft, über die sehr häufig berichtet wird. Andererseits werden aber auch die erneuerbaren Energien ausgebaut. Dieser Weg wird in der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen.

    Was ist der Grund für die Neuorientierung?

    Walk: Die Bevölkerung in Iran wächst stark und die fossilen Energieträger werden ineffizient eingesetzt. Deshalb steigt der Energiebedarf. Ihn allein mit eigenem Öl zu decken, kommt nicht infrage. Iran ist auf die Devisen aus dem Ölexport angewiesen. Deshalb versucht die Regierung, für den inländischen Energiebedarf neue Ideen zu entwickeln.

    In welchem Umfang wird bereits Ökostrom erzeugt?

    Walk: Der Anteil ist noch sehr gering und liegt bei unter einem Prozent – über 99 Prozent der Energieversorgung wird durch Gas und Öl gedeckt. In den kommenden fünf Jahren will Iran den Anteil aber auf drei Prozent erhöhen. Nicht einmal Deutschland hatte solche ambitionierten Ziele, als es damals den Weg für erneuerbare Energien ebnete.

    Das Drei-Prozent-Ziel ist zunächst einmal eine Absichtserklärung. Was wurde bereits unternommen?

    Walk: Neben den gesetzlich festgeschriebenen Ausbauzielen hat Iran auch institutionelle Veränderungen vorgenommen. Die Regierung hat die Zuständigkeit für erneuerbare Energien aus dem Ölministerium herausgelöst und eine eigene Unterorganisation, die Renewable Energy Organization of Iran (SUNA) gegründet. Iran hat auch ein Einspeisegesetz nach deutschem beziehungsweise europäischem Vorbild erlassen. Es garantiert die Abnahme von erneuerbarem Strom zu festen Preisen. Im vergangenen Jahr hat Iran außerdem die Subventionen für fossile Energieträger gestrichen.

    Welche politischen Kräfte treiben die Modernisierung des Energiesektors voran?

    Walk: Das ist ähnlich wie bei uns. Es sind Menschen, die erkannt haben, dass sich der Energiesektor wandeln muss. Darunter sind auch viele junge Leute, die an die Innovationsfähigkeit ihres Landes glauben. Sie engagieren sich nicht nur in Iran, sondern auch in der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA). Noch ist es nur eine sehr kleine Gruppe.

    Verfügt Iran überhaupt über das notwendige Wissen und die Technologie?

    Walk: Das theoretische Wissen ist da, das praktische für die Umsetzung fehlt. In Deutschland haben zu Beginn kleine, private Initiativen den Ausbau der erneuerbaren Energien vorangetrieben. Das waren Unternehmer und Umweltorganisationen, die einzelne Windräder aufgestellt haben. All das gibt es in Iran noch nicht, deshalb braucht es Hilfe aus dem Ausland.

    Wie viele Anlagen für erneuerbare Energien hat Iran bereits gebaut?

    Walk: Iran setzt vor allem auf Windkraft. In den Küstenregionen des Nordwestens gibt es etwa 60 bis 80 Windparks. Den Plänen zufolge soll es in den nächsten fünf Jahren insgesamt 110 Anlagen geben. Der Solarbereich wäre auch sehr interessant, weil sich Iran im sogenannten Sonnengürtel befindet. Hier ist aber noch nicht viel passiert, da die notwendige Technologie sehr teuer ist.

    Kann Iran überhaupt benötigte Technologie importieren? Über dem Land liegt ein Embargo.

    Walk: Das Embargo gilt nicht grundsätzlich für alle Technologie-Importe. Alles, was mit Atomtechnik zu tun hat, darf nicht eingeführt werden. Für Unternehmen, die Windräder nach Iran liefern, gibt es dagegen kein Problem. Es gibt bereits mehrere deutsche Unternehmen, die gerne im Iran investieren würden. Sie brauchen aber die Unterstützung der deutschen Regierung und eine Absicherung, dass die Kooperation auch Bestand hat. Bisher haben vor allem chinesische Unternehmen Windanlagen nach Iran geliefert.

    Sie schreiben in Ihrer Studie, dass die erneuerbaren Energien ein Weg sein könnten, Iran vom Atomprogramm abzubringen. Wie soll das funktionieren?

    Walk: Iran fährt zweigleisig, es baut die Atomkraft und die erneuerbaren Energien aus. Welches am Ende das wichtigere Gleis sein wird, ist noch nicht entschieden. Das Atomkraftwerk in Buschehr, das Iran in Betrieb genommen hat, ist kaum der Rede wert. Die Energieerzeugung ist vergleichbar mit der Leistung eines Windparks. Energiepolitik kann in Iran Friedenspolitik sein. Abgesehen von einem harten Kern im politischen Apparat wollen viele Politiker in Iran keinen Ausbau der Atomkraft, sie fürchten die internationalen Konsequenzen. Weite Teile der Bevölkerung sehen das ähnlich, sie könnte man mit einer grüneren Energiepolitik unterstützen. Zukunftsfähigkeit und -verantwortung würden das Bild Irans prägen.

    Was kann Deutschland tun, um diesen Kurs zu unterstützen?

    Walk: Ein Großteil der Politiker ist sehr vorsichtig und will überhaupt nicht mit Iran zusammenarbeiten. Unsere Studie ist nur mithilfe einzelner, engagierter Personen im Umweltministerium zu Stande gekommen. Wenn wir einen Wandel in Iran wollen, müssen wir aber bestimmte Kräfte in der Gesellschaft unterstützen und fördern. Vielleicht ist dann auch in Iran so etwas wie ein arabischer Frühling möglich. Deutschland könnte Iran beraten, was die institutionelle Arbeit und die benötigten Technologien betrifft. Die Politiker könnten deutsche Unternehmen motivieren, nach Iran zu gehen und lokale, unternehmerische Initiativen vor Ort zu fördern. Außerdem sollten sie sich dafür einsetzen, dass Iran in internationale Technologieförderprogramme aufgenommen wird. Das würde auch den Unternehmen Sicherheit geben.

    In Iran herrscht eine Diktatur. Würde man sie nicht mit dieser Hilfe unterstützen?

    Walk: Wir dürfen nicht nur die iranische Regierung sehen. Es wäre kurzsichtig, eine ganze Gesellschaft für ihre Regierung zu bestrafen, die bereits unter den internationalen Sanktionen leidet. Der Ausbau der erneuerbaren Energien nutzt nicht nur dem System, er nutzt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.

    Wie groß ist die Akzeptanz für erneuerbare Energien in der Bevölkerung?

    Walk: Die Akzeptanz und überhaupt das Bewusstsein für den Klimawandel ist in der Bevölkerung noch nicht sehr groß. Die Bevölkerung spürt zwar jetzt schon die Auswirkungen des Klimawandels, beispielsweise durch große Wasserknappheit, aber das wird nicht mit fossilen Energieträgern in Verbindung gebracht. Iran hat aber eine starke Umweltbewegung, die auch in verschiedenen UN-Gruppen sehr aktiv ist. Das Thema Klima muss mit dem Umwelt- und Naturschutz zusammengebracht werden, damit es in das öffentliche Bewusstsein vordringt. Einzelne Initiativen gibt es bereits.

    Dieses Interview erschien zuerst bei ZEIT ONLINE.

  • App statt Blockflöte

    App statt Blockflöte

    Instrumente Lernen mal anders: In einem Pilotprojekt musizieren Schüler im Unterricht auf Handys. Jugendliche ohne musikalische Vorbildung profitieren besonders.

    Der Beat setzt ein und Max aus der 8a schiebt, wischt und klickt. In seinen Händen hält er kein Instrument, sondern ein Smartphone. Er wiederholt die Akkordfolge, dann fährt seine Mitschülerin Lena mit ihrem Finger über das gläserne Display ihres iPads – darauf quäkt ein animierter Roboter im Jackett, als würde ihm jemand wehtun.

    Handys im Unterricht sind an der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Berlin sonst streng verboten. Doch in einem Pilotprojekt der Universität Potsdam soll getestet werden, ob und wie sich neue Technologien im Musikunterricht integrieren lassen.

    “Ihr nehmt an einem Experiment teil, das in Deutschland bisher einzigartig ist”, sagt Matthias Krebs zu Beginn der Stunde. Der Dozent für Musik- und Medienpädagogik hat das Projekt “Mobile Endgeräte im Musikunterricht” gemeinsam mit Pädagogikstudenten der Uni Potsdam entwickelt. Nach der Testphase will er mit den angehenden Lehrern Konzepte entwickeln, wie sich Smartphones und Tablet-PCs sinnvoll im Unterricht einsetzen lassen.

    Krebs ist ein Pionier auf dem Gebiet der Handy-Musik. Der ausgebildete Opernsänger probiert seit mehr als einem Jahr Musik-Apps für die Geräte aus. Mit anderen Berufsmusikern hat er ein Ensemble gegründet, in dem ausschließlich auf mobilen Endgeräten musiziert wird. “Wir spielen auch Stücke im klassischen Stil”, sagt Krebs. Ihm ist es ernst, denn Handy-Musik hat nicht den besten Ruf: Man denkt an polyphones Acht-Ton-Gedudel und betrügerische Klingelton-Abonnements.

    Das könnte sich ändern: Für Smartphones gibt es inzwischen viele Anwendungen, mit denen man anspruchsvoll musizieren kann. Die Apps tragen Namen wie Thumbjam, Soundprison und Finger Beat – teilweise sind sie kostenlos oder für einen niedrigen Geldbetrag zu kaufen. “Töne lassen sich nicht nur per Klick abspielen, sondern auch modulieren”, sagt Krebs. Zum Beweis schüttelt Krebs sein Handy mit gestrecktem Arm: Ein Cello-Vibrato ertönt.

    Krebs verteilt die Geräte. Jungs scrollen durch das Menü, Mädchen nesteln an ihren Kopfhörern. Computer, Smartphones und MP3-Player sind Alltag für sie, auch wenn solche Techniken in der Schule selten zum Einsatz kommen. Als in der Pisa-Studie der Einsatz von Computern im Unterricht abgefragt wurde, lag Deutschland auf dem letzten Platz unter den OECD-Ländern.

    “Was fällt euch zu Sehnsucht ein – wie könnte das klingen?”, fragen die Studentinnen Barbara Reschke und Carolin Gawron. Jeweils zwei Studenten betreuen eine Gruppe. Die Schüler sollen gemeinsam ein Stück zu Gefühlen wie Sehnsucht, Hass oder Liebe komponieren – sie haben 90 Minuten Zeit.

    “Ich weiß nicht, wie ich damit Musik machen soll”, sagt Schülerin Lena am Anfang noch und schaut missmutig auf ihr Display. Dort spuckt ein Roboter schaurige Töne aus. Lenas erster Eindruck: “ein Kindergarteninstrument”. Auch Max hat Schwierigkeiten: “Ich checke das System leider überhaupt nicht”, sagt er. Er spielt seit acht Jahren Schlagzeug und ist Mitglied der Schul-Big-Band. Jetzt hat er bunte Balken vor sich. Aber 20 Minuten später haben die Schüler ihr Instrument im Griff – und üben auch in der Pause weiter.

    Die Bedienung unterscheidet sich erheblich vom Spielen traditioneller Instrumente: Mal klickt man Akkorde, mal malt man mit dem Finger eine Melodie. “Die musikalische Struktur steht im Vordergrund”, erklärt Krebs. Bis ein Schüler einen sauberen Ton auf einem Cello spielen kann, müsse er viel an seiner Technik üben. Beim Handy sei die Bedienung einfach, es gehe vielmehr darum, wie Töne, Rhythmen und Instrumente kombiniert werden, sagt Krebs.

    “Es ist eine echte Chance. Vor allem für Schüler, die kein Instrument spielen oder keine musikalische Vorbildung haben”, sagt die Studentin Gawron. Sie trägt einen Notenschlüssel als Ohrring und spielt Geige: klassisch. Technikbegeistert ist sie nicht, das Spektrum der Apps hat sie aber überrascht. Es überzeugt sie, dass die Schüler fast alle existierenden Instrumente ausprobieren können und der Zugang zudem sehr direkt und spielerisch ist. Aber ein richtiges Instrument sei präziser und man könne damit mehr Gefühl ausdrücken, sagt Gawron. Ihr Kommilitone Pascal Rudolph ist begeistert, so stellt er sich innovativen Musikunterricht vor. Doch auch er sieht Schwierigkeiten: “Einige Apps sind so simpel, damit könnte sogar ein Affe Musik machen.” Rudolph findet, man muss genau wissen, was die Schüler lernen sollen, bevor man die Geräte einsetzt.

    Es wird ernst: Krebs hält die Kompositionen der Schüler mit einem Aufnahmegerät fest und filmt sie. Eine Gruppe hat einen Tango zum Thema Liebe komponiert, eine andere präsentiert eine Art Hip-Hop-Song. Die Schüler wippen mit den Füßen, nicken mit den Köpfen. Die Ergebnisse klingen gut.

    “Mehr von solchen Projekten!”, sagt ein Schüler. Er hätte gern viel mehr neue Medien in der Schule, nicht nur im Musikunterricht. Schon Laptops wären ein echter Fortschritt. Die meisten seiner Mitschüler stimmen zu. Die Schulglocke läutet, Krebs ruft: “Die Videos stelle ich bei Youtube ein, dann könnt ihr sie noch mal anschauen.” Doch erst haben die Schüler noch eine Stunde Latein – an der Tafel.

    Der Text ist bei ZEIT Online erschienen.

  • Die twitternden Tenöre

    Die twitternden Tenöre

    In einem Weiterbildungskurs der UdK lernen Berufsmusiker Facebook, Twitter und das Bloggen kennen. Sie hoffen auf extra Einnahmen aus dem Internet.

    Text: Laurence Thio   Foto: Anja Tscheuschner (Udk Digimedial)

    Jasmine Thomas steht ungewöhnlich verzagt am Pult. Dabei liegen ihr Bühnenauftritte doch besonders. Gerade tönte ihre tiefe Soulstimme noch aus den Boxen, jetzt prasseln Fragen auf sie ein: “Warum schreibst Du gerade diese Songs?” und “Was heißt Rock, Pop, Black Music – geht das nicht konkreter?” Jasmine Thomas schaut ratlos und sagt: “Ich weiß nicht, die Songs fließen einfach aus mir raus!”

    Die Fragen stellen Berufsmusiker aus dem Kurs “Digimedial – Strategisches Musikmarketing im Internet”, einem kostenlosen Weiterbildungsangebot der Universität der Künste (UdK). Die 20 Musiker sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Sie geben der jungen Soulsängerin Rückmeldung, nachdem sie ihre Internetstrategie vor der Gruppe präsentiert hat.

    In dem elftägigen Kurs sollen die Berufsmusiker lernen, wie sie ihre Musik im Internet verbreiten, bekannt machen und vermarkten. Dabei lernen sie soziale Dienste wie Facebook, Twitter und Blogs kennen – zusätzlich kriegen sie Marketingkurse. Die meisten Teilnehmer kennen sich grundsätzlich schon mit dem Internet aus, nutzen soziale Medien aber nur privat oder überhaupt nicht. In Berlin ist ein derartiger Kurs bislang einzigartig, ab Mai soll es nach Plänen der Veranstalter auch Fortgeschrittenenkurse geben.

    Denn das Netz wird für selbstständige Musiker immer wichtiger, das Musikgeschäft hat sich in weiten Teilen digitalisiert. Wer nicht im Internet zu finden ist, dem gehen Fans und Kunden verloren.

    Kursleiter Matthias Krebs, selbst ausgebildeter Opernsänger und Musikpädagoge, kommentiert den Vortrag: „Jasmine, Du musst dein Profil weiter schärfen und Du brauchst eine überzeugende Künstler-Story!“. Die Soulsängerin will im nächsten halben Jahr ihre Bekanntheit in Berlin erhöhen, sie fürchtet den Aufwand:“Ich glaube, dass kostet mehr Zeit als ich eigentlich habe. Zeit in der ich auch Musik machen könnte. Andererseits ist es eine Chance“, sagt die 28-Jährige.

    Es folgt eine Unterrichtseinheit, in der sich die Teilnehmer einen Blog einrichten sollen. Opernsängerin Ute Freund klickt sich durch ihre Internetpräsenz und ist verblüfft, wie schnell die Website eingerichtet ist. Doch bei einem Feld, in dem sie sich selbst vorstellen soll, zögert die erfahrene Mezzo-Sopranistin.

    Freund kämpft mit dem, was Krebs das „geheime Kursziel der Weiterbildung“ nennt. „Die größte Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Kommunikation im Netz“, sagt Krebs und schaut versonnen. Viele Teilnehmer seien unsicher, was sie an die Öffentlichkeit geben könnten. Vielen falle es schwer, sich selbst zu einer Marke zu machen. Die Vermarktung im Internet zwinge die Leute ein klares Profil aufzubauen, „einige der Musiker beschäftigen sich das erste mal systematisch mit ihrem Musikprojekt und finden dadurch zu sich selbst“, sagt Krebs.

    Nach dem Bloggen  gibt es eine Gesprächsrunde: Experten aus dem Musikmarketing erzählen von Fallbeispielen. Eines dieser Fallbeispiele ist selbst zu Gast: Die Künsterlin Zoe.Leela und ihr Manager berichten wie sie ihre Songs im Internet unter Creative Commons-Lizenz zum Download angeboten haben. Das heißt, die Musik kann kostenlos heruntergeladen werden und darf nicht-kommerziell genutzt werden. So kam Zoe.Leela an Werbeverträge mit Unternehmen.

    Ein Teilnehmer schüttelt den Kopf. „Bekanntwerden kann im Netz offenbar jeder, der Knackpunkt ist aber doch das Geldverdienen!“ Zoe.Leela räumt ein, viel Geld habe sie tatsächlich nicht gemacht. Die Frage nach dem Geldverdienen wird im Kurs immer wieder gestellt.

    Kursleiter Krebs kennt die Hoffnungen vom schnellen Geld im Internet. Eine Anleitung für den Erfolg gibt es nicht. „Zuerst geht es um die kontinuierliche Arbeit am Webauftritt. Wenn die Musiker viele Fans im Netz gefunden haben, lässt sich mit ihnen Geld verdienen – auch außerhalb des Internets.“

    Nachdem alle Blogs eingerichtet sind, klappen die Kursteilnehmer die Notebooks zu. Einige von ihnen schultern Instrumente – sie gehen heute noch Musik machen.

    Der Text ist zuerst in der taz erschienen.

  • Budenzauber am Schloss

    Budenzauber am Schloss

    Jahrelang gab es in Berlin mehr günstige Wohnungen als Studenten. Jetzt sind die Studentenwohnheime erstmals ausgebucht. Und der große Andrang kommt erst noch.

    Jeshurun Devendraraj fährt mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage des Hochhauses. Er kommt öfter zum Fenster im Flur. Hier gibt es die Stadt im Panoramablick. In der Ferne erahnt man den Fernsehturm, dann das Telefunken Haus, in unmittelbarer Nähe das kurfürstliche Schloss Charlottenburg.

    “Ich bin froh, dass ich hier bin”, sagt der 19-Jährige Informatikstudent. Devendraraj ist im Studentenwohnheim Mollwitzstraße in Charlottenburg untergekommen. Er hat sich vor einigen Semestern angemeldet und prompt ein Zimmer bekommen. Hätte Devendraraj das in diesem Sommersemester probiert, wäre er wahrscheinlich abgelehnt worden. Erstmals sind die Berliner Studentenwohnheime ausgebucht.

    “Wir mussten im März 25 bis 30 Studierenden pro Tag absagen”, sagt Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks. Aktuell könne man wieder einige Anfragen beantworten, sagt Morgenstern. Besonders viele sind das allerdings nicht – auf der Website des Studentenwerks werden gerade mal drei freie Zimmer angeboten.

    Schuld am Platzmangel ist dem Studentenwerk zufolge der Wandel auf dem Wohnungsmarkt und die ungebrochenen Popularität Berlins. Die Mieten in angesagten Bezirken wie Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain sind gestiegen. “Deshalb entscheiden sich viel mehr Studierende inzwischen für einen Platz im Wohnheim”, sagt Morgenstern.

    Die Situation wird sich noch verschärfen: Mit der Abschaffung der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen ab 2012 drängen bereits zum nächsten Wintersemester Tausende zusätzliche Erstsemester an die Universitäten. Die Wohnheimplätze wurden nicht dementsprechend ausgebaut, sondern über die Jahre eingespart. Früher gab es einmal um die 12.000 Plätze in Berlin, heute sind es 9.500, 250 davon befinden sich in der Mollwitzstraße.

    Devendraraj läuft durch die Gänge des Wohnheims. Hinter den Türen wird mal türkisch, mal englisch gesprochen. Es riecht nach scharfem Essen und frisch gewaschener Wäsche. Hinter jeder Tür befindet sich ein exakt gleich geschnittenes 17-Quadratmeter-Appartment mit Kochnische und Bad. Möbel wie Schreibtisch, Bett, Schrank, und Stuhl sind inklusive. Wer möchte, kann sogar Töpfe und Bettwäsche dazu buchen.

    Ins Wohnheim kann theoretisch jeder ziehen, der an einer Berliner Hochschule immatrikuliert ist. Die Studierenden können sich das ganze Semester über bei den Wohnheimverwaltungen oder online bewerben. Insgesamt betreibt das Studentenwerk 35 Wohnheime, ein Großteil davon liegt im Westteil Berlins. Das ist noch der Teilung der Stadt geschuldet. Ein Zimmer kostet zwischen 120 und 330 Euro – Strom und Wasser inklusive. Die unterschiedlichen Mieten hängen von der Größe der Appartments, der Lage in Berlin und der jeweiligen Ausstattung ab. Ein Zimmer in der Lichtenberger Allee der Kosmonauten, wo Küche und Badezimmer gemeinsam genutzt werden, kostet etwa 140 Euro. Ein Zimmer im Ikea-Schick direkt auf dem Campus der Technischen Universität ist mit etwa 330 Euro teurer – dafür haben die Mieter ein eigenes Bad und eine eigene Küche. In der Hauptstadt wohnen knapp 7 Prozent der Studierenden im Wohnheim – der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 10 Prozent.

    Trotz der Platzmangels ist die Situation in Berlin ist bei weitem nicht so dramatisch wie in anderen Studentenstädten. In Hamburg trifft man immer wieder Studienanfänger, die das erste Sommersemester auf dem Campingplatz verbringen, weil sie kein Zimmer bekommen haben. In München haben sie wegen der  extremen Wohnungsnot Container aufgestellt. Auf dem freien Wohnungsmarkt in Berlin sind Einzelappartments in beliebten Bezirken teurer und knapper geworden. Ein Blick in die Studenten-Wohnbörsen im Internet zeigt jedoch, dass es nach wie vor viele günstige Zimmer in Wohngemeinschaften und 1-Zimmerwohnungen in Randlagen gibt.

    Für Devendraraj sollte es von Anfang an das Wohnheim sein. Inzwischen ist er zu einem richtigen Fan geworden. Seit einem Semester betreut Devendraraj als studentischer Tutor die Bewohner. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn die Studenten Probleme haben. Zum Semesterstart zeigt er den Neuen die Gegend und bietet Orientierung. “Auch wenn man hier Einzelzimmer bewohnt, lernt man schnell Leute kennen”, sagt Devendraraj. Das Haus hat eine Bar, ein Fitness- und ein Tischtennisraum – wer lieber kocht, kann den Backraum nutzen. Es wirkt ein bisschen wie im Schullandheim. “Budenzauber” nennt das Studentenwerk diese Mischung aus Sozialleben und Billigmiete.

    Draußen gibt es noch ein Basketballfeld und einen Steinofen. Um ihn sitzt eine große Gruppe von Chinesen beim Essen. Ein Großteil der Wohnheimbewohner sind Austauschstudenten. Der Platzmangel wird sie besonders hart treffen. Für sie ist es vergleichsweise schwierig günstigen Wohnraum in Berlin zu finden. Sie kennen sich nicht so gut in der Stadt aus wie die deutschen Studenten. Viele Vermieter wollen zudem Mieter, die länger als ein Jahr bleiben und verlangen Bürgschaften der Eltern sowie Meldebescheinigungen. Ein Wohnheim war bislang eine unkomplizierte Alternative.

    “In diesem Semester mussten wir auch 60 Anfragen von Austauschstudenten ablehnen”, sagt Morgenstern. Er geht davon aus, dass die Zahl der ausländischen Studierenden in seinen Häusern in Zukunft sinken wird. Bisher war es so, dass deutsche Studenten nach einer Orientierungsphase in Berlin schnell in eine eigene Wohnung gezogen sind. Bleiben sie jedoch länger, kriegen weniger internationale Studierende einen Platz.

    “Ich finde, wenn sich der Platzmangel sehr verschärft, sollte man über soziale Kriterien nachdenken, nach denen Wohnheimplätze vergeben werden,” sagt Olga Onokova. Diese sollten nicht nur für internationale Studenten, sondern auch für Studienanfänger aus finanziell schwachen Familien gelten. Die Publizistikstudentin wohnt im Berliner Ortsteil Lankwitz in einem Wohnheim und war vor einem Semester Präsidentin des Internationalen Clubs an der Freien Universität. Der Club dient als Treffpunkt und als Netzwerk für internationale Studierende – hier hat sie schon häufiger von den Problemen bei der Wohnungssuche gehört. Onokova weiß allerdings auch, dass Kriterien für Wohnheimplätze nur schwer festzulegen sind und großen Aufwand bedeuten. “Quoten und soziale Kriterien sind zurzeit kein Thema”, sagt Morgenstern. Eigentlich sei das von der Sache her ausgeschlossen, dass einzelne Studierendengruppen bevorzugt werden, sagt Morgenstern. Zumindest bislang.

    Denn eine Verbesserung ist nicht in Sicht: Mehr Wohnraum wird es trotz Studentenansturm im nächsten Semester nicht geben. Pläne weitere Wohnheime zu bauen, gibt es nicht – die Stadt fördert derzeit keinen studentischen sozialen Wohnungsbau und stellt dem Studentenwerk auch keine Grundstücke zur Verfügung auf denen es selbst bauen könnte.

    Anders als beispielsweise in Bayern. In Augsburg und München ist der Wohnungsmarkt seit langem angespannt. Die dortigen Studentenwerke wollen bis zum nächsten Semester neue Wohnheime fertig bauen und zusätzliche Plätze schaffen. Das Berliner Studentenwerk hat auch schon mit Investoren um Immobilien verhandelt, zu einem Deal kam es bisher aber nicht. „Die Investoren haben zu hohe Mieterwartungen“, sagt Morgenstern. Rund 450 Euro könnte ein Wohnheimzimmer in Charlottenburg nach Plänen der Investoren dann pro Monat kosten.

    Devendraraj nimmt den Fahrstuhl nach unten. Im Moment kann er sich nicht vorstellen woanders zu wohnen. Bis zum Ende seines Studiums bleibe er auf jeden Fall in der Mollwitzstraße. “Anschließend kommt der Master”, sagt Devendraraj, “wahrscheinlich auch im Wohnheim.” Die Tür zu seinem Zimmer fällt krachend ins Schloss.

    Dieser Text ist zuerst in der taz erschienen.

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