Ein Zuhause für gute Reportagen
Longreads, Liesmich & Co. – Wie neue Dienste das Lesen im Netz verändern
Es geht schnell, kostet nichts und man ist halbwegs informiert: Wer Nachrichtenseiten im Internet liest, der fühlt sich manchmal wie an der Fast-Food-Bude. Dort sieht der Burger auf dem Foto ja auch immer besser aus, als das was man in die Hand gedrückt bekommt.
Griffig formulierte Teaser verführen zum schnellen Klick, Überschriften werden im Halb-Stunden-Takt getauscht. Was älter ist, rutscht nach unten weg. Das ist das schnelle und harte Nachrichtengeschäft von Tageszeitungen und Wochenmagazinen im Internet. Geliefert wird ein Produkt in Akkordarbeit, welches unter scharfen Konkurrenzbedingungen entsteht und bestehen muss.
Lange Texte kommen im Netz oft zu kurz
Das Dilemma: Je aktueller eine Nachrichtenseite ist, desto schneller verschwinden Inhalte nach unten. Ein Text, der nicht augenblicklich gute Klickzahlen hat, rutscht teilweise innerhalb weniger Stunden aus dem Blickfeld und ist dann nur noch schwer auffindbar. Lange und gute journalistische Texte kommen im Netz daher oft zu kurz.
Texte mit mehr als 6.000 Zeichen
„Curating journalism“ will genau das ändern. Seiten wie Longreads oder Byliner machen in den USA seit einiger Zeit vor wie es geht: Jede Woche sichten sie die großen englischsprachigen Zeitungen und Magazine und empfehlen Reportagen, Essays und Portraits mit mehr als 6.000 Zeichen. Sie schaffen damit ein bewusstes Gegenbild zum Fast-Food-Journalismus auf den Newsseiten, den es natürlich auch weiterhin gibt und geben wird.
Entschleunigung des Lesens
Die Idee gute Texte zu empfehlen ist dabei natürlich nicht neu, sondern vermutlich so alt wie das Internet selbst. Durch Blogs und soziale Netzwerke haben sie jedoch eine neue Dimension gewonnen. Empfehlungsdienste geben Impulse zu einer gezielten Entschleunigung des Lesens in einer Zeit, in der man dachte, es würde im Journalismus immer nur schneller und kürzer gehen.
Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe an Diensten die regelmäßig nach Thema oder Format sortierte Leseempfehlungen veröffentlichen. Sie verändern die Art, wie wir im Netz Texte finden und lesen. Eine Übersicht:
Englischsprachige Lesedienste

Der wichtigste Curating-Dienst in den USA ist zweifelsohne Longreads. Die Plattform startete zunächst ganz unspektakulär mit einem Hash-Tag bei Twitter. Wer eine gute Reportage im Netz findet, kann sie mit dem Zusatz #longreads twittern. Hunderte Texte pro Woche kommen so zusammen. Die Empfehlungen sind einerseits im Bereich „Community Picks“ sofort online sichtbar. Zum anderen stellt eine Redaktion einmal pro Woche die besten Texte aus New Yorker, New York Times, Esquire und Co. vor.

Byliner setzt ebenfalls auf lange Lesestücke, hebt dabei aber die Trennung zwischen Fiction und Journalismus auf. Neben Journalisten wie Jon Krakauer, Christopher Hitchens oder Malcolm Gladwell sind auch klassische Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder Nick Hornby mit Texten vertreten. Die Texte werden teils kostenlos angeboten, teils als „Byliner Originals“ für eBook-Reader aufbereitet und verkauft. Ein Dossier mit 51 Seiten kostet dann zum Beispiel 1,99 Dollar. Byliner zeigt so Verlegern und Journalisten wie einzelne Texte im Netz vermarkten lassen. Die Bündelung der Inhalte als Zeitung wird aufgehoben, ein neues Paket für die Leser geschnürt. Byliner passt sich so an die bereits veränderten Lesegewohnheiten der Internet-Generation an.
Deutschsprachige Lesedienste

Inspiriert durch die Curating-Seiten in den USA habe ich im letzten Jahr zusammen mit Freunden begonnen, eine eigene Plattform für gute deutschsprachige Reportagen im Internet aufzubauen. LiesMich.me heißt das junge Projekt. Jede Woche stellen wir die besten Texte in einer Wochenauswahl zusammen. Aufgenommen werden nicht nur aktuelle Texte, sondern auch zeitlos gute Reportagen. Unter der Woche diskutieren wir in unserer kleinen Redaktion die verschiedenen Vorschläge und empfehlen diese dann in selbst geschriebenen Teasern. LiesMich ist also kein automatischer News-Aggregator, sondern ein persönlicher Empfehlungsdienst für journalistische Texte. Bei Facebook ist LiesMich unter folgender Adresse zu finden: http://www.facebook.com/liesmich

Mit Gutetexte starteten fast zeitgleich mit Liesmich die Journalisten Ole Reißmann und David Bauer ihre Empfehlungsseite. Beide präsentieren ihre Fundstücke vor allem auf Twitter und versuchen dabei verstärkt, aktuelle Debatten in ihrer Textauswahl widerzuspiegeln. Die Empfehlung erfolgt dabei pragmatisch: Titel, Autor und Medium werden genannt.

Der Commentarist bietet Kommentare und Kolumnen von großen deutschen Medien zu aktuellen Themen und bündelt sie auf einer Plattform. Täglich deckt er das ganze Spektrum von Spiegel Online bis Frankfurter Rundschau ab. So kann man sich zu einem bestimmten Thema schnell die wichtigsten Argumentationen durchlesen. Die Teaser sind allerdings automatisch generiert. Eine Sortierfunktion nach Journalisten rundet die Seite ab.

Außer der Reihe: Audiofil.es für Podcasts
Auch bei Radiosendungen und Podcasts gibt es das Problem, das sich gute Reportagen und Stücke auf den Onlineseiten und in Mediatheken gut versteckt sind. Der Dienst Audiofil.es empfiehlt die besten englischsprachigen Reportagen aus dem Programm von NPR, BBC und weiteren namhaften Sendern. Ein entsprechendes Angebot im deutschsprachigem Raum fehlt meines Wissens nach noch.



