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  • Kampf um den Elite-Titel

    Im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb geht es in die letzte Runde. Die Spitzen der Berliner Universitäten hoffen auf einen Sieg, die Studentenvertreter auf eine Niederlage.

    Die Antwort kommt per Mail. Für die deutschen Hochschulen ist es die wichtigste Mail des Jahres. Punktgenau um 14.45 Uhr am Freitag will die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sie verschicken, und sie enthält die Antwort auf eine Frage, die so nie gestellt wurde und für 16 Universitäten doch alles bedeutet: Wer wird Elite-Uni? Wer darf es bleiben? Und wer fliegt raus?

    Die Nervosität an den Hochschulen ist groß. Seit rund sechs Jahren befinden sie sich im Ausnahmezustand. Wissenschaftler haben die aktuellen Trends der Forschung ausgelotet, neue Kooperationen geschlossen, Hunderte Forschungsanträge geschrieben.

    Besuch der Exzellenz-Gutachter

    Sie haben zusätzliche Verwaltungsarbeit auf sich genommen und auch noch das Theater mit den Uni-Begehungen mitgemacht: Wochenlang bereiteten sich die Professoren auf den Besuch der Exzellenzgutachter vor: studierten die Biografien der Gutachter, lernten Antworten auswendig und probten die Inszenierung in Kleingruppen.

    Einige Universitäten hatten vorher noch mal renoviert, um Eindruck zu schinden. Wenn sie jetzt in den drei Förderlinien – Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzept – überzeugen können, dann hat es sich gelohnt. Dann sind sie Elite.

    Vier fallen raus

    Für einige Universitäten ist es die letzte Chance, den begehrten Elite-Titel zu bekommen: Die dritte Runde des Wettbewerbs ist auch die letzte. Neben dem Prestige geht es um sehr viel Geld. 2,7 Milliarden Euro verteilt der Bund unter den siegreichen Universitäten. In der ersten Phase des Wettbewerbs waren es 1,9 Milliarden.

    Insgesamt haben sich 22 Kandidaten beworben, sieben Neubewerber kamen in die engere Auswahl – die Unis Bremen, Bochum, Köln, Mainz und Tübingen, die TU Dresden und die Humboldt-Universität Berlin (HU). Die neun Universitäten, die in der vorigen Runde erfolgreich waren, sind automatisch gesetzt, darunter die Freie Universität (FU) in Dahlem.

    Die Entscheidung treffen die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern, die DFG und der Wissenschaftsrat. Zwölf Unis werden gefördert, vier fallen raus.

    Berliner Derby: HU vs. FU

    In Berlin kommt es deshalb zum Showdown: Auf der einen Seite die HU als Newcomer, auf der anderen Seite die bereits exzellente FU. Im Jahr 2007 galt die Humboldt-Uni als Elite-Favorit und wurde von der FU Berlin ausgestochen – eine bittere Niederlage für Berlins älteste Universität, die unter dem damaligen Präsidenten Christoph Markschies mehr stritt als zusammenarbeitete. Die FU wurde dagegen vom Hochschulmanager Dieter Lenzen knallhart auf Erfolg getrimmt.

    Heute steht die Humboldt-Uni geschlossener da. Der neue Präsident Jan-Hendrik Olbertz hat sie geeint und auch Kritiker der Exzellenzinitiative ins Boot geholt. Selbst Studenten konnten – in beschränktem Umfang – am Exzellenzantrag mitwirken. Der setzt unter dem Titel „Bildung durch Wissenschaft: Persönlichkeit, Offenheit, Orientierung“ auf die Lebenswissenschaften und ein Institut, das zu Nachhaltigkeit, Landnutzung und Globalisierung forschen soll.

    Mit diesem Programm gilt die HU als eine Favoritin im Wettbewerb. Zahlreiche erfolgreiche Exzellenzcluster und Graduiertenschulen empfehlen sie ohnehin. Sollte sie trotzdem verlieren, wäre das ein schwerer Imageschaden: drei Versuche, dreimal gepatzt.

    Aber auch die Freie Universität steht unter Erfolgsdruck. Sie hat in den vergangenen Jahren ihre Exzellenz-Einrichtungen aufgebaut, ihr Konzept der internationalen Netzwerk-Universität führt sie fort. Im aktuellen Antrag setzt sie mit Postdoc-Programmen auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zudem will sie ihr Netzwerk-Konzept auf die Region übertragen und mit bestimmten Forschungseinrichtungen stärker kooperieren.

    Der FU haben die bisherigen Exzellenzgelder genutzt: Sie tritt mit größerem Selbstbewusstsein auf, liegt in Drittmittel- und Universitätsrankings auf den vorderen Plätzen. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Unter den Wissenschaftlern gibt es Spannungen, die Förderung ist ungleicher geworden. Fachbereiche ohne Exzellenzbeteiligung verlieren an Bedeutung, andere geraten durch ihre Beteiligung im Alltagsbetrieb an ihre personellen Grenzen. Wenn die FU nicht in der ersten Liga bleibt, fehlen ihr bis zu 42 Millionen Euro. Sie müsste dann einige Exzellenz-Einrichtungen schließen. Hinzu käme der Eindruck, dass sich die Uni verschlechtert hat.

    Lehre ohne Exzellenz

    Und nicht alle fiebern der Entscheidung so entgegen wie die Hochschulrektoren. Der Wettbewerb wird in vielerlei Hinsicht kritisiert: Bei der Exzellenzinitiative werden vorrangig Anträge bewertet und nicht die Forschung, ermittelt wird quasi die Antragsexzellenz. Zudem hat die Initiative die Konkurrenz unter den Universitäten erhöht und Tendenzen zu Ökonomisierung und Konzentration im Hochschulsystem verstärkt. Einige wenige Unis werden stärker, die anderen bleiben schwach.

    Der für die Masse der Berliner Studenten wichtigste Punkt wird erst gar nicht berührt: die Lehre. Im Gegenteil, an der Freien Universität leidet sie eher. Etwa ein Viertel der mehr als 300 Professoren hat die Lehrtätigkeit reduziert, weil sie sich in Exzellenzprojekte abgeseilt haben. Das Betreuungsverhältnis ist schlecht: Die Studenten suchen in einigen Fachbereichen länger nach Betreuern für ihren Abschluss, die Dozenten wechseln häufig.

    Der FU-Studierendenvertreter Mathias Bartelt sieht die Exzellenzinitiative erwartungsgemäß kritisch: „Ich lehne den Exzellenzwettbewerb ab und auch, wie sich die Uni von den Geldern abhängig gemacht hat.“ Bartelt rechnet mit Kürzungen in den Fachbereichen, sollte die Uni nicht noch einmal erfolgreich sein. An der HU hofft die Studierendenvertretung deshalb auf ein Scheitern der Uni-Bewerbung: „Die Exzellenzinitiative schadet mehr, als sie nützt“, sagt Studierendenvertreter Gerrit Aust. Er befürchtet ähnlich wie Bartelt Kürzungen und die Schließung „kompletter Institute“ nach dem Ende der Exzellenzförderung 2017. An das Ende wollen die Rektoren der Hauptstadt-Universitäten noch nicht denken. Die FU lädt für den Freitagnachmittag nach der Entscheidung bereits zum Sommerfest. Und an der HU gibt es erst Kaffee und Kuchen beim Präsidenten und abends einen Sektempfang. Egal, was am Ende in der Mail steht.

    Der Text ist zuerst in der taz, 15.6.2012, erschienen.

  • “Das gibt es nicht in Gießen”

    “Das gibt es nicht in Gießen”

    An der FU wird gehofft und gebangt: wird die Uni noch mal exzellent? Präsident Peter-André Alt über den Spirit der Elite, negative Effekte und die Zeit danach.

    Herr Alt, am Freitag entscheidet sich, ob die Freie Universität eine Exzellenz-Universität bleibt. Der Erfolgsdruck ist groß. Muss die FU um jeden Preis gewinnen?

    Peter-André Alt: Erfolgsdruck gibt es immer. Wir waren aber auch unabhängig von der Exzellenzinitiative wissenschaftlich sehr aktiv. Der DFG-Förderatlas zeigt, dass unsere Universität auch ohne Berücksichtigung der Exzellenz-Gelder die meisten Forschungsmittel in Deutschland einwerben konnte. Ihre Mittel aus der dritten Förderlinie, dem Zukunftskonzept, hat sie sogar am effizientesten eingesetzt und am meisten aus ihnen gemacht.

    Es fehlen trotzdem über 40 Millionen Euro im Haushalt der FU, wenn sie nicht noch einmal die Fördergelder bekommt.

    Natürlich würden wir dann versuchen, die erfolgreichen Konzepte, die ja auch langfristig angelegt sind, weiter umzusetzen. Es wäre fatal, wenn wir Einrichtungen wie unsere Dahlem Research School oder das Center for International Cooperation wieder schließen müssten. Es wäre schwierig, alle Projekte in den ohnehin angespannten Normaletat zu übernehmen. Die durch die Förderung erzeugte Dynamik würde auf halber Strecke aufgehalten. Das wäre ein ganz problematischer Umstand für uns. Dann bräuchten wir die Unterstützung des Landes, beispielsweise über die Einstein-Stiftung.

    Gibt’s schon Kürzungslisten?

    Wir haben einen Schwerpunkt in der Nachwuchsförderung und müssen auch bei den Promotionsprogrammen weiter Akzente setzen. Da können wir uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Schwierigkeiten gäbe es im Bereich der Forschungsplanung, die müsste dann aus den knappen Bordmitteln finanziert werden. Im Bereich der Internationalisierung müssten wir uns sehr genau anschauen, welche der sieben internationalen Verbindungsbüros wir uns dann leisten könnten. Eine Reduzierung wäre sehr bitter.

    Bei der Exzellenzinitiative geht es um Spitzenforschung. Was bringt es den Studenten, wenn die FU noch mal exzellent wird?

    Man macht es sich zu einfach, zu sagen: Ihr werdet mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, weil ihr an einer Exzellenz-Universität studiert habt. Ich glaube, den Mehrwert macht etwas anderes aus: der Spirit. Wir haben hier in den letzten Jahren etwas gemeinsam aufgebaut. Die Freie Universität hat sich internationale Strahlkraft und ungeheure Forschungsperspektiven erarbeitet – davon profitieren natürlich auch unsere Studierenden. Vor Kurzem erhielt hier der herausragende Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha die Ehrendoktorwürde, davor der pädagogische Vordenker Lee Shulman. Das sind Strahlpunkte der Wissenschaft. Den Studierenden muss klar sein, das gibt es nicht in Paderborn oder Gießen.

    So viel zum Spirit. Das ist aber nicht der Alltag im Hörsaal. Die Lehre ist alles andere als exzellent.

    An der Freien Universität arbeiten wir stetig daran, wir haben schon bessere Zahlen. Seit 2006 konnten wir die Abschlussquote von 50 auf 75 Prozent steigern. Leider ist das Betreuungsverhältnis in einigen besonders stark nachgefragten Fächern nicht optimal. Wir konnten das Verhältnis dennoch verbessern. Früher kamen auf einen Dozenten 75 Studierende, jetzt sind es 55. Ich will es nicht schönreden, das sollte noch besser werden.

    Was tun Sie dagegen?

    Allein bekommen wir das Problem nicht vom Tisch, weil wir an die gesetzliche Kapazitätsverordnung gebunden sind. Das heißt, wenn wir mehr Dozenten einstellen, müssen wir gleichzeitig mehr Studierende aufnehmen – das ist wiederum eine Frage der Finanzierung. Wir versuchen deshalb bei der ergänzenden Betreuung mehr zu machen. Beispielsweise durch intensive Beratungen, Mentorierungsprogramme und Tutorien.

    Die Exzellenzinitiative führt auch zu Engpässen in der Lehre.

    Wir kennen das Problem. Ein Exzellenzcluster aufzubauen ist eine Heidenarbeit. Diese Professoren können nicht neun Stunden lehren. Die temporären Reduktionen in der Lehre sind nennenswert. Geschätzt hat etwa ein Viertel der 300 Professoren in der Lehre reduziert. Das ist eine Chance für den wissenschaftlichen Nachwuchs und Postdocs außeruniversitärer Institute, die Vertretungsprofessuren übernehmen. Gleichzeitig erkenne ich die Interessen der Studierenden absolut an. Die Dozenten werden teilweise nach einem Jahr berufen und wechseln, die Studierenden suchen länger nach Prüfern. Das ist ein Dilemma. Ich sage es ganz ehrlich, das ist schwer zu lösen. Wir versuchen Kontinuität bei den Vertretungen zu schaffen.

    Das Interview ist zuerst in der taz, 15.6.2012, erschienen.

  • Der FU schifft’s ins Hirn

    Der FU schifft’s ins Hirn

    Die Freie Universität Berlin hat ein Problem mit ihrer Philologischen Bibliothek, die auch “The Brain” genannt wird. Denn “das Hirn” ist nicht ganz dicht – und das gleich an mehreren Stellen.

    Noch lacht die ganze Welt über Berlins Unvermögen, einen Flughafen pünktlich zu eröffnen; da wird auch schon die nächste peinliche Baupanne bekannt. Die Philologische Bibliothek der Freien Universität (FU), wegen ihrer schädelartigen Architektur oft nur „The Brain“ genannt, kämpft seit Monaten mit dem Wetter. Es regnet durch. Schuld sind undichte Gummiprofile zwischen den Fenstern der Büchereikuppel. Das Problem ist nicht neu, seit der Eröffnung vor mehr als sechs Jahren leckt das Gebäude. Doch in letzter Zeit ist es deutlich schlimmer geworden. Vor einem guten Monat gab es einen schweren Wassereinbruch: Die halbe Bibliothek musste gesperrt werden.

    Wasserflecken und Imageschaden

    Für die Universität ist das ein schwerer Imageschaden. Denn die Philologische Bibliothek ist nicht irgendein Gebäude, sie ist das Wahrzeichen der FU. Der britische Stararchitekt Norman Foster hat sie konstruiert. Forster war auch für den Umbau des Reichstags samt Kuppel verantwortlich. Zudem ist die Bücherei ein sogenanntes intelligentes Gebäude: Es lüftet und temperiert sich selbst. Der Bau hat rund 20 Millionen Euro gekostet. „The Berlin Brain“ hat Architekturpreise gewonnen, die Bundesregierung zeichnete es in einer Imagekampagne als einen „Ort der Ideen“ aus. Das entspricht dem Selbstbild der Uni: Innovation, Einfallsreichtum, Exzellenz.

    Klügstes Gebäude in Dahlem

    Wahrscheinlich ist das Brain wirklich eines der klügsten Gebäude in Dahlem – auf einen profanen Wasserschaden scheint es trotzdem nicht gut vorbereitet. Im Eingangsbereich stehen neben dem runden Teppich mit dem Wappen der Uni leere Mayonnaise-Eimer, vermutlich eine Spende der Mensa. Mitarbeiter stellen sie und einige Mülleimer bei starken Niederschlägen auf. Vor einigen Arbeitsplätzen ist Absperrband gespannt, die Regale auf der obersten Etage sind mit Plastikplanen abgedeckt. An der Innenhülle der Bibliothek bilden sich Wasserflecken.

    Reparaturen verzögern sich

    Der Kampf gegen das Wasser wird auch von außen geführt: Ein großes Gerüst umgibt die Kuppel. Die Reparaturen begannen im August und sollten ursprünglich lediglich bis Weihnachten dauern, daraus wurde Februar und Juni. Nun können die Bauarbeiten laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung frühestens Ende Juli fertiggestellt werden. Die Reparaturen haben sich verzögert, weil sie offenbar nur bei schönem Wetter durchgeführt werden können.
    Hinzu kommen weitere drei Monate, in denen die innere Textilhülle der Bibliothek und der Teppichboden gereinigt werden. Dies soll außerhalb der Öffnungszeiten geschehen. Auch die Wiese im Bereich des Gebäudes muss neu angelegt werden. Insgesamt kostet die Sanierung nach Angaben des Senats etwa 1,8 Millionen Euro. Bezahlen muss die Haftpflichtversicherung des Bauunternehmens, das die Außenhülle gebaut hat. Die Firma ist während des Baus insolvent gegangen: Ihr konnten vor Gericht Ausführungsfehler nachgewiesen werden.

    “Wir haben keine Schuld”

    Der Chef der Philologischen Bibliothek, Klaus Werner, kann die Reparaturen von seinem Büro aus gut sehen und vor allem hören. Bauarbeiter hämmern an der Außenhülle, ersetzen die Gummiprofile und rufen sich Witze zu: echte Baustellenatmosphäre. Werner schaut gequält, er hält den Krach für die größte Belastung der Bibliotheksnutzer: „Es sind notwendige Reparaturen. Wir haben keine Schuld und der Architekt hat nachgewiesenermaßen auch keine Schuld“, betont er. Zudem sei es in den letzten Wochen besser geworden. Er wolle aber nichts beschönigen: „Natürlich ist das alles schade und es tut mir irgendwie weh.“ Werner wirkt, als wüsste er selbst nicht genau, wie seine Vorzeigebibliothek so schnell zur Baustelle werden konnte.

    Lieber später studieren

    Die Bibliotheksleitung will es wieder gutmachen, Werner setzt dabei auf Transparenz. Ein Bildschirm am Eingang der Bibliothek informiert über die Reparaturen und warnt davor, Laptops wegen des Regens unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Für einen beschädigten Computer hat die Bibliothek bisher die Reparatur bezahlt, bei einem weiteren wird eine Kostenübernahme geprüft. Werner rät den Studierenden, nach 15 Uhr zu kommen, dann sind die Bauarbeiten meist beendet. Am Wochenende finden keine Bauarbeiten statt: Die Bibliothek hat ihre Öffnungszeiten an beiden Tagen um zwei Stunden verlängert. Das lohnt sich vor allem für Spätstudierende.
    Trotzdem volles Haus

    Anfangs gab es viele Beschwerden, sagt Werner, inzwischen habe das jedoch abgenommen. Die Bibliothek ist trotz der Bauarbeiten gut gefüllt, nachmittags gibt es kaum freie Plätze. BWL-Student Maurice sagt: „Ich nehme die Bauarbeiten hin. Schade, dass die Bibliothek dafür nicht auch an Feiertagen öffnet.“ Mathematikstudentin Elisabeth kommt fünf Tage die Woche ins „Brain“. Anfangs habe sie der Lärm sehr gestört, nicht mal Ohrstöpsel hätten geholfen, sagt sie. „Inzwischen geht es aber.“

    Viele Studierenden haben sich offenbar daran gewöhnt, auf einer Baustelle zu studieren. Die Freie Universität hofft trotzdem vor allem auf – gutes Wetter.

    Dieser Text ist zuerst in der taz, 4.06.2012, erschienen

  • Die twitternden Tenöre

    Die twitternden Tenöre

    In einem Weiterbildungskurs der UdK lernen Berufsmusiker Facebook, Twitter und das Bloggen kennen. Sie hoffen auf extra Einnahmen aus dem Internet.

    Text: Laurence Thio   Foto: Anja Tscheuschner (Udk Digimedial)

    Jasmine Thomas steht ungewöhnlich verzagt am Pult. Dabei liegen ihr Bühnenauftritte doch besonders. Gerade tönte ihre tiefe Soulstimme noch aus den Boxen, jetzt prasseln Fragen auf sie ein: “Warum schreibst Du gerade diese Songs?” und “Was heißt Rock, Pop, Black Music – geht das nicht konkreter?” Jasmine Thomas schaut ratlos und sagt: “Ich weiß nicht, die Songs fließen einfach aus mir raus!”

    Die Fragen stellen Berufsmusiker aus dem Kurs “Digimedial – Strategisches Musikmarketing im Internet”, einem kostenlosen Weiterbildungsangebot der Universität der Künste (UdK). Die 20 Musiker sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Sie geben der jungen Soulsängerin Rückmeldung, nachdem sie ihre Internetstrategie vor der Gruppe präsentiert hat.

    In dem elftägigen Kurs sollen die Berufsmusiker lernen, wie sie ihre Musik im Internet verbreiten, bekannt machen und vermarkten. Dabei lernen sie soziale Dienste wie Facebook, Twitter und Blogs kennen – zusätzlich kriegen sie Marketingkurse. Die meisten Teilnehmer kennen sich grundsätzlich schon mit dem Internet aus, nutzen soziale Medien aber nur privat oder überhaupt nicht. In Berlin ist ein derartiger Kurs bislang einzigartig, ab Mai soll es nach Plänen der Veranstalter auch Fortgeschrittenenkurse geben.

    Denn das Netz wird für selbstständige Musiker immer wichtiger, das Musikgeschäft hat sich in weiten Teilen digitalisiert. Wer nicht im Internet zu finden ist, dem gehen Fans und Kunden verloren.

    Kursleiter Matthias Krebs, selbst ausgebildeter Opernsänger und Musikpädagoge, kommentiert den Vortrag: „Jasmine, Du musst dein Profil weiter schärfen und Du brauchst eine überzeugende Künstler-Story!“. Die Soulsängerin will im nächsten halben Jahr ihre Bekanntheit in Berlin erhöhen, sie fürchtet den Aufwand:“Ich glaube, dass kostet mehr Zeit als ich eigentlich habe. Zeit in der ich auch Musik machen könnte. Andererseits ist es eine Chance“, sagt die 28-Jährige.

    Es folgt eine Unterrichtseinheit, in der sich die Teilnehmer einen Blog einrichten sollen. Opernsängerin Ute Freund klickt sich durch ihre Internetpräsenz und ist verblüfft, wie schnell die Website eingerichtet ist. Doch bei einem Feld, in dem sie sich selbst vorstellen soll, zögert die erfahrene Mezzo-Sopranistin.

    Freund kämpft mit dem, was Krebs das „geheime Kursziel der Weiterbildung“ nennt. „Die größte Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Kommunikation im Netz“, sagt Krebs und schaut versonnen. Viele Teilnehmer seien unsicher, was sie an die Öffentlichkeit geben könnten. Vielen falle es schwer, sich selbst zu einer Marke zu machen. Die Vermarktung im Internet zwinge die Leute ein klares Profil aufzubauen, „einige der Musiker beschäftigen sich das erste mal systematisch mit ihrem Musikprojekt und finden dadurch zu sich selbst“, sagt Krebs.

    Nach dem Bloggen  gibt es eine Gesprächsrunde: Experten aus dem Musikmarketing erzählen von Fallbeispielen. Eines dieser Fallbeispiele ist selbst zu Gast: Die Künsterlin Zoe.Leela und ihr Manager berichten wie sie ihre Songs im Internet unter Creative Commons-Lizenz zum Download angeboten haben. Das heißt, die Musik kann kostenlos heruntergeladen werden und darf nicht-kommerziell genutzt werden. So kam Zoe.Leela an Werbeverträge mit Unternehmen.

    Ein Teilnehmer schüttelt den Kopf. „Bekanntwerden kann im Netz offenbar jeder, der Knackpunkt ist aber doch das Geldverdienen!“ Zoe.Leela räumt ein, viel Geld habe sie tatsächlich nicht gemacht. Die Frage nach dem Geldverdienen wird im Kurs immer wieder gestellt.

    Kursleiter Krebs kennt die Hoffnungen vom schnellen Geld im Internet. Eine Anleitung für den Erfolg gibt es nicht. „Zuerst geht es um die kontinuierliche Arbeit am Webauftritt. Wenn die Musiker viele Fans im Netz gefunden haben, lässt sich mit ihnen Geld verdienen – auch außerhalb des Internets.“

    Nachdem alle Blogs eingerichtet sind, klappen die Kursteilnehmer die Notebooks zu. Einige von ihnen schultern Instrumente – sie gehen heute noch Musik machen.

    Der Text ist zuerst in der taz erschienen.

  • Budenzauber am Schloss

    Budenzauber am Schloss

    Jahrelang gab es in Berlin mehr günstige Wohnungen als Studenten. Jetzt sind die Studentenwohnheime erstmals ausgebucht. Und der große Andrang kommt erst noch.

    Jeshurun Devendraraj fährt mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage des Hochhauses. Er kommt öfter zum Fenster im Flur. Hier gibt es die Stadt im Panoramablick. In der Ferne erahnt man den Fernsehturm, dann das Telefunken Haus, in unmittelbarer Nähe das kurfürstliche Schloss Charlottenburg.

    “Ich bin froh, dass ich hier bin”, sagt der 19-Jährige Informatikstudent. Devendraraj ist im Studentenwohnheim Mollwitzstraße in Charlottenburg untergekommen. Er hat sich vor einigen Semestern angemeldet und prompt ein Zimmer bekommen. Hätte Devendraraj das in diesem Sommersemester probiert, wäre er wahrscheinlich abgelehnt worden. Erstmals sind die Berliner Studentenwohnheime ausgebucht.

    “Wir mussten im März 25 bis 30 Studierenden pro Tag absagen”, sagt Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks. Aktuell könne man wieder einige Anfragen beantworten, sagt Morgenstern. Besonders viele sind das allerdings nicht – auf der Website des Studentenwerks werden gerade mal drei freie Zimmer angeboten.

    Schuld am Platzmangel ist dem Studentenwerk zufolge der Wandel auf dem Wohnungsmarkt und die ungebrochenen Popularität Berlins. Die Mieten in angesagten Bezirken wie Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain sind gestiegen. “Deshalb entscheiden sich viel mehr Studierende inzwischen für einen Platz im Wohnheim”, sagt Morgenstern.

    Die Situation wird sich noch verschärfen: Mit der Abschaffung der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen ab 2012 drängen bereits zum nächsten Wintersemester Tausende zusätzliche Erstsemester an die Universitäten. Die Wohnheimplätze wurden nicht dementsprechend ausgebaut, sondern über die Jahre eingespart. Früher gab es einmal um die 12.000 Plätze in Berlin, heute sind es 9.500, 250 davon befinden sich in der Mollwitzstraße.

    Devendraraj läuft durch die Gänge des Wohnheims. Hinter den Türen wird mal türkisch, mal englisch gesprochen. Es riecht nach scharfem Essen und frisch gewaschener Wäsche. Hinter jeder Tür befindet sich ein exakt gleich geschnittenes 17-Quadratmeter-Appartment mit Kochnische und Bad. Möbel wie Schreibtisch, Bett, Schrank, und Stuhl sind inklusive. Wer möchte, kann sogar Töpfe und Bettwäsche dazu buchen.

    Ins Wohnheim kann theoretisch jeder ziehen, der an einer Berliner Hochschule immatrikuliert ist. Die Studierenden können sich das ganze Semester über bei den Wohnheimverwaltungen oder online bewerben. Insgesamt betreibt das Studentenwerk 35 Wohnheime, ein Großteil davon liegt im Westteil Berlins. Das ist noch der Teilung der Stadt geschuldet. Ein Zimmer kostet zwischen 120 und 330 Euro – Strom und Wasser inklusive. Die unterschiedlichen Mieten hängen von der Größe der Appartments, der Lage in Berlin und der jeweiligen Ausstattung ab. Ein Zimmer in der Lichtenberger Allee der Kosmonauten, wo Küche und Badezimmer gemeinsam genutzt werden, kostet etwa 140 Euro. Ein Zimmer im Ikea-Schick direkt auf dem Campus der Technischen Universität ist mit etwa 330 Euro teurer – dafür haben die Mieter ein eigenes Bad und eine eigene Küche. In der Hauptstadt wohnen knapp 7 Prozent der Studierenden im Wohnheim – der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 10 Prozent.

    Trotz der Platzmangels ist die Situation in Berlin ist bei weitem nicht so dramatisch wie in anderen Studentenstädten. In Hamburg trifft man immer wieder Studienanfänger, die das erste Sommersemester auf dem Campingplatz verbringen, weil sie kein Zimmer bekommen haben. In München haben sie wegen der  extremen Wohnungsnot Container aufgestellt. Auf dem freien Wohnungsmarkt in Berlin sind Einzelappartments in beliebten Bezirken teurer und knapper geworden. Ein Blick in die Studenten-Wohnbörsen im Internet zeigt jedoch, dass es nach wie vor viele günstige Zimmer in Wohngemeinschaften und 1-Zimmerwohnungen in Randlagen gibt.

    Für Devendraraj sollte es von Anfang an das Wohnheim sein. Inzwischen ist er zu einem richtigen Fan geworden. Seit einem Semester betreut Devendraraj als studentischer Tutor die Bewohner. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn die Studenten Probleme haben. Zum Semesterstart zeigt er den Neuen die Gegend und bietet Orientierung. “Auch wenn man hier Einzelzimmer bewohnt, lernt man schnell Leute kennen”, sagt Devendraraj. Das Haus hat eine Bar, ein Fitness- und ein Tischtennisraum – wer lieber kocht, kann den Backraum nutzen. Es wirkt ein bisschen wie im Schullandheim. “Budenzauber” nennt das Studentenwerk diese Mischung aus Sozialleben und Billigmiete.

    Draußen gibt es noch ein Basketballfeld und einen Steinofen. Um ihn sitzt eine große Gruppe von Chinesen beim Essen. Ein Großteil der Wohnheimbewohner sind Austauschstudenten. Der Platzmangel wird sie besonders hart treffen. Für sie ist es vergleichsweise schwierig günstigen Wohnraum in Berlin zu finden. Sie kennen sich nicht so gut in der Stadt aus wie die deutschen Studenten. Viele Vermieter wollen zudem Mieter, die länger als ein Jahr bleiben und verlangen Bürgschaften der Eltern sowie Meldebescheinigungen. Ein Wohnheim war bislang eine unkomplizierte Alternative.

    “In diesem Semester mussten wir auch 60 Anfragen von Austauschstudenten ablehnen”, sagt Morgenstern. Er geht davon aus, dass die Zahl der ausländischen Studierenden in seinen Häusern in Zukunft sinken wird. Bisher war es so, dass deutsche Studenten nach einer Orientierungsphase in Berlin schnell in eine eigene Wohnung gezogen sind. Bleiben sie jedoch länger, kriegen weniger internationale Studierende einen Platz.

    “Ich finde, wenn sich der Platzmangel sehr verschärft, sollte man über soziale Kriterien nachdenken, nach denen Wohnheimplätze vergeben werden,” sagt Olga Onokova. Diese sollten nicht nur für internationale Studenten, sondern auch für Studienanfänger aus finanziell schwachen Familien gelten. Die Publizistikstudentin wohnt im Berliner Ortsteil Lankwitz in einem Wohnheim und war vor einem Semester Präsidentin des Internationalen Clubs an der Freien Universität. Der Club dient als Treffpunkt und als Netzwerk für internationale Studierende – hier hat sie schon häufiger von den Problemen bei der Wohnungssuche gehört. Onokova weiß allerdings auch, dass Kriterien für Wohnheimplätze nur schwer festzulegen sind und großen Aufwand bedeuten. “Quoten und soziale Kriterien sind zurzeit kein Thema”, sagt Morgenstern. Eigentlich sei das von der Sache her ausgeschlossen, dass einzelne Studierendengruppen bevorzugt werden, sagt Morgenstern. Zumindest bislang.

    Denn eine Verbesserung ist nicht in Sicht: Mehr Wohnraum wird es trotz Studentenansturm im nächsten Semester nicht geben. Pläne weitere Wohnheime zu bauen, gibt es nicht – die Stadt fördert derzeit keinen studentischen sozialen Wohnungsbau und stellt dem Studentenwerk auch keine Grundstücke zur Verfügung auf denen es selbst bauen könnte.

    Anders als beispielsweise in Bayern. In Augsburg und München ist der Wohnungsmarkt seit langem angespannt. Die dortigen Studentenwerke wollen bis zum nächsten Semester neue Wohnheime fertig bauen und zusätzliche Plätze schaffen. Das Berliner Studentenwerk hat auch schon mit Investoren um Immobilien verhandelt, zu einem Deal kam es bisher aber nicht. „Die Investoren haben zu hohe Mieterwartungen“, sagt Morgenstern. Rund 450 Euro könnte ein Wohnheimzimmer in Charlottenburg nach Plänen der Investoren dann pro Monat kosten.

    Devendraraj nimmt den Fahrstuhl nach unten. Im Moment kann er sich nicht vorstellen woanders zu wohnen. Bis zum Ende seines Studiums bleibe er auf jeden Fall in der Mollwitzstraße. “Anschließend kommt der Master”, sagt Devendraraj, “wahrscheinlich auch im Wohnheim.” Die Tür zu seinem Zimmer fällt krachend ins Schloss.

    Dieser Text ist zuerst in der taz erschienen.

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