Digitales Leben, Popkultur und Journalismus nach Redaktionsschluss

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  • Selbstverteidigung für Hunde

    Selbstverteidigung für Hunde

    Unsere Aufgabe an der Journalistenschule: Innerhalb von zwei Tagen eine Reportage zum Thema “Tier” umsetzen.  Was hatte ich nicht alles vor: Erst wollte ich einen Zoophilen porträtieren, dann mit einem Metzger in Neukölln Blustwurst machen. Hat aber alles wegen des Zeitdrucks nicht rechtzeitig geklappt. Schließlich bin ich in einem Selbstverteidigungskurs für Hunde gelandet.

    Bild: Drottning Victoria / Queen Victoria. Flickr cc

  • Ein Zuhause für gute Reportagen

    Ein Zuhause für gute Reportagen

    Longreads, Liesmich & Co. – Wie neue Dienste das Lesen im Netz verändern

    Es geht schnell, kostet nichts und man ist halbwegs informiert: Wer Nachrichtenseiten im Internet liest, der fühlt sich manchmal wie an der Fast-Food-Bude. Dort sieht der Burger auf dem Foto ja auch immer besser aus, als das was man in die Hand gedrückt bekommt.

    Griffig formulierte Teaser verführen zum schnellen Klick, Überschriften werden im Halb-Stunden-Takt getauscht. Was älter ist, rutscht nach unten weg. Das ist das schnelle und harte Nachrichtengeschäft von Tageszeitungen und Wochenmagazinen im Internet. Geliefert wird ein Produkt in Akkordarbeit, welches unter scharfen Konkurrenzbedingungen entsteht und bestehen muss.

    Lange Texte kommen im Netz oft zu kurz

    Das Dilemma: Je aktueller eine Nachrichtenseite ist, desto schneller verschwinden Inhalte nach unten. Ein Text, der nicht augenblicklich gute Klickzahlen hat, rutscht teilweise innerhalb weniger Stunden aus dem Blickfeld und ist dann nur noch schwer auffindbar. Lange und gute journalistische Texte kommen im Netz daher oft zu kurz.

    Texte mit mehr als 6.000 Zeichen

    „Curating journalism“ will genau das ändern. Seiten wie Longreads oder Byliner machen in den USA seit einiger Zeit vor wie es geht: Jede Woche sichten sie die großen englischsprachigen Zeitungen und Magazine und empfehlen Reportagen, Essays und Portraits mit mehr als 6.000 Zeichen. Sie schaffen damit ein bewusstes Gegenbild zum Fast-Food-Journalismus auf den Newsseiten, den es natürlich auch weiterhin gibt und geben wird.

    Entschleunigung des Lesens

    Die Idee gute Texte zu empfehlen ist dabei natürlich nicht neu, sondern vermutlich so alt wie das Internet selbst. Durch Blogs und soziale Netzwerke haben sie jedoch eine neue Dimension gewonnen. Empfehlungsdienste geben Impulse zu einer gezielten Entschleunigung des Lesens in einer Zeit, in der man dachte, es würde im Journalismus immer nur schneller und kürzer gehen.

    Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe an Diensten die regelmäßig nach Thema oder Format sortierte Leseempfehlungen veröffentlichen. Sie verändern die Art, wie wir im Netz Texte finden und lesen. Eine Übersicht:

     

    Englischsprachige Lesedienste

    Longreads.com

    Der wichtigste Curating-Dienst in den USA ist zweifelsohne Longreads. Die Plattform startete zunächst ganz unspektakulär mit einem Hash-Tag bei Twitter. Wer eine gute Reportage im Netz findet, kann sie mit dem Zusatz #longreads twittern. Hunderte Texte pro Woche kommen so zusammen. Die Empfehlungen sind einerseits im Bereich „Community Picks“ sofort online sichtbar. Zum anderen stellt eine Redaktion einmal pro Woche die besten Texte aus New Yorker, New York Times, Esquire und Co. vor.

     

    Byliner.com

    Byliner setzt ebenfalls auf lange Lesestücke, hebt dabei aber die Trennung zwischen Fiction und Journalismus auf. Neben Journalisten wie Jon Krakauer, Christopher Hitchens oder Malcolm Gladwell sind auch klassische Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder Nick Hornby mit Texten vertreten. Die Texte werden teils kostenlos angeboten, teils als „Byliner Originals“ für eBook-Reader aufbereitet und verkauft. Ein Dossier mit 51 Seiten kostet dann zum Beispiel 1,99 Dollar. Byliner zeigt so Verlegern und Journalisten wie einzelne Texte im Netz vermarkten lassen. Die Bündelung der Inhalte als Zeitung wird aufgehoben, ein neues Paket für die Leser geschnürt. Byliner passt sich so an die bereits veränderten Lesegewohnheiten der Internet-Generation an.

     

    Deutschsprachige Lesedienste

    LiesMich.me

    Inspiriert durch die Curating-Seiten in den USA habe ich im letzten Jahr zusammen mit Freunden begonnen, eine eigene Plattform für gute deutschsprachige Reportagen im Internet aufzubauen. LiesMich.me heißt das junge Projekt. Jede Woche stellen wir die besten Texte in einer Wochenauswahl zusammen. Aufgenommen werden nicht nur aktuelle Texte, sondern auch zeitlos gute Reportagen. Unter der Woche diskutieren wir in unserer kleinen Redaktion die verschiedenen Vorschläge und empfehlen diese dann in selbst geschriebenen Teasern. LiesMich ist also kein automatischer News-Aggregator, sondern ein persönlicher Empfehlungsdienst für journalistische Texte. Bei Facebook ist LiesMich unter folgender Adresse zu finden: http://www.facebook.com/liesmich

     

    Gutetexte

    Mit Gutetexte starteten fast zeitgleich mit Liesmich die Journalisten Ole Reißmann und David Bauer ihre Empfehlungsseite. Beide präsentieren ihre Fundstücke vor allem auf Twitter und versuchen dabei verstärkt, aktuelle Debatten in ihrer Textauswahl widerzuspiegeln. Die Empfehlung erfolgt dabei pragmatisch: Titel, Autor und Medium werden genannt.

    Commentarist.de

    Der Commentarist bietet Kommentare und Kolumnen von großen deutschen Medien zu aktuellen Themen und bündelt sie auf einer Plattform. Täglich deckt er das ganze Spektrum von Spiegel Online bis Frankfurter Rundschau ab. So kann man sich zu einem bestimmten Thema schnell die wichtigsten Argumentationen durchlesen. Die Teaser sind allerdings automatisch generiert. Eine Sortierfunktion nach Journalisten rundet die Seite ab.

     

    Außer der Reihe: Audiofil.es für Podcasts

    Auch bei Radiosendungen und Podcasts gibt es das Problem, das sich gute Reportagen und Stücke auf den Onlineseiten und in Mediatheken gut versteckt sind. Der Dienst Audiofil.es empfiehlt die besten englischsprachigen Reportagen aus dem Programm von NPR, BBC und weiteren namhaften Sendern. Ein entsprechendes Angebot im deutschsprachigem Raum fehlt meines Wissens nach noch.

  • Kampf um den Elite-Titel

    Im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb geht es in die letzte Runde. Die Spitzen der Berliner Universitäten hoffen auf einen Sieg, die Studentenvertreter auf eine Niederlage.

    Die Antwort kommt per Mail. Für die deutschen Hochschulen ist es die wichtigste Mail des Jahres. Punktgenau um 14.45 Uhr am Freitag will die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sie verschicken, und sie enthält die Antwort auf eine Frage, die so nie gestellt wurde und für 16 Universitäten doch alles bedeutet: Wer wird Elite-Uni? Wer darf es bleiben? Und wer fliegt raus?

    Die Nervosität an den Hochschulen ist groß. Seit rund sechs Jahren befinden sie sich im Ausnahmezustand. Wissenschaftler haben die aktuellen Trends der Forschung ausgelotet, neue Kooperationen geschlossen, Hunderte Forschungsanträge geschrieben.

    Besuch der Exzellenz-Gutachter

    Sie haben zusätzliche Verwaltungsarbeit auf sich genommen und auch noch das Theater mit den Uni-Begehungen mitgemacht: Wochenlang bereiteten sich die Professoren auf den Besuch der Exzellenzgutachter vor: studierten die Biografien der Gutachter, lernten Antworten auswendig und probten die Inszenierung in Kleingruppen.

    Einige Universitäten hatten vorher noch mal renoviert, um Eindruck zu schinden. Wenn sie jetzt in den drei Förderlinien – Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzept – überzeugen können, dann hat es sich gelohnt. Dann sind sie Elite.

    Vier fallen raus

    Für einige Universitäten ist es die letzte Chance, den begehrten Elite-Titel zu bekommen: Die dritte Runde des Wettbewerbs ist auch die letzte. Neben dem Prestige geht es um sehr viel Geld. 2,7 Milliarden Euro verteilt der Bund unter den siegreichen Universitäten. In der ersten Phase des Wettbewerbs waren es 1,9 Milliarden.

    Insgesamt haben sich 22 Kandidaten beworben, sieben Neubewerber kamen in die engere Auswahl – die Unis Bremen, Bochum, Köln, Mainz und Tübingen, die TU Dresden und die Humboldt-Universität Berlin (HU). Die neun Universitäten, die in der vorigen Runde erfolgreich waren, sind automatisch gesetzt, darunter die Freie Universität (FU) in Dahlem.

    Die Entscheidung treffen die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern, die DFG und der Wissenschaftsrat. Zwölf Unis werden gefördert, vier fallen raus.

    Berliner Derby: HU vs. FU

    In Berlin kommt es deshalb zum Showdown: Auf der einen Seite die HU als Newcomer, auf der anderen Seite die bereits exzellente FU. Im Jahr 2007 galt die Humboldt-Uni als Elite-Favorit und wurde von der FU Berlin ausgestochen – eine bittere Niederlage für Berlins älteste Universität, die unter dem damaligen Präsidenten Christoph Markschies mehr stritt als zusammenarbeitete. Die FU wurde dagegen vom Hochschulmanager Dieter Lenzen knallhart auf Erfolg getrimmt.

    Heute steht die Humboldt-Uni geschlossener da. Der neue Präsident Jan-Hendrik Olbertz hat sie geeint und auch Kritiker der Exzellenzinitiative ins Boot geholt. Selbst Studenten konnten – in beschränktem Umfang – am Exzellenzantrag mitwirken. Der setzt unter dem Titel „Bildung durch Wissenschaft: Persönlichkeit, Offenheit, Orientierung“ auf die Lebenswissenschaften und ein Institut, das zu Nachhaltigkeit, Landnutzung und Globalisierung forschen soll.

    Mit diesem Programm gilt die HU als eine Favoritin im Wettbewerb. Zahlreiche erfolgreiche Exzellenzcluster und Graduiertenschulen empfehlen sie ohnehin. Sollte sie trotzdem verlieren, wäre das ein schwerer Imageschaden: drei Versuche, dreimal gepatzt.

    Aber auch die Freie Universität steht unter Erfolgsdruck. Sie hat in den vergangenen Jahren ihre Exzellenz-Einrichtungen aufgebaut, ihr Konzept der internationalen Netzwerk-Universität führt sie fort. Im aktuellen Antrag setzt sie mit Postdoc-Programmen auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zudem will sie ihr Netzwerk-Konzept auf die Region übertragen und mit bestimmten Forschungseinrichtungen stärker kooperieren.

    Der FU haben die bisherigen Exzellenzgelder genutzt: Sie tritt mit größerem Selbstbewusstsein auf, liegt in Drittmittel- und Universitätsrankings auf den vorderen Plätzen. Aber es gibt auch eine Kehrseite: Unter den Wissenschaftlern gibt es Spannungen, die Förderung ist ungleicher geworden. Fachbereiche ohne Exzellenzbeteiligung verlieren an Bedeutung, andere geraten durch ihre Beteiligung im Alltagsbetrieb an ihre personellen Grenzen. Wenn die FU nicht in der ersten Liga bleibt, fehlen ihr bis zu 42 Millionen Euro. Sie müsste dann einige Exzellenz-Einrichtungen schließen. Hinzu käme der Eindruck, dass sich die Uni verschlechtert hat.

    Lehre ohne Exzellenz

    Und nicht alle fiebern der Entscheidung so entgegen wie die Hochschulrektoren. Der Wettbewerb wird in vielerlei Hinsicht kritisiert: Bei der Exzellenzinitiative werden vorrangig Anträge bewertet und nicht die Forschung, ermittelt wird quasi die Antragsexzellenz. Zudem hat die Initiative die Konkurrenz unter den Universitäten erhöht und Tendenzen zu Ökonomisierung und Konzentration im Hochschulsystem verstärkt. Einige wenige Unis werden stärker, die anderen bleiben schwach.

    Der für die Masse der Berliner Studenten wichtigste Punkt wird erst gar nicht berührt: die Lehre. Im Gegenteil, an der Freien Universität leidet sie eher. Etwa ein Viertel der mehr als 300 Professoren hat die Lehrtätigkeit reduziert, weil sie sich in Exzellenzprojekte abgeseilt haben. Das Betreuungsverhältnis ist schlecht: Die Studenten suchen in einigen Fachbereichen länger nach Betreuern für ihren Abschluss, die Dozenten wechseln häufig.

    Der FU-Studierendenvertreter Mathias Bartelt sieht die Exzellenzinitiative erwartungsgemäß kritisch: „Ich lehne den Exzellenzwettbewerb ab und auch, wie sich die Uni von den Geldern abhängig gemacht hat.“ Bartelt rechnet mit Kürzungen in den Fachbereichen, sollte die Uni nicht noch einmal erfolgreich sein. An der HU hofft die Studierendenvertretung deshalb auf ein Scheitern der Uni-Bewerbung: „Die Exzellenzinitiative schadet mehr, als sie nützt“, sagt Studierendenvertreter Gerrit Aust. Er befürchtet ähnlich wie Bartelt Kürzungen und die Schließung „kompletter Institute“ nach dem Ende der Exzellenzförderung 2017. An das Ende wollen die Rektoren der Hauptstadt-Universitäten noch nicht denken. Die FU lädt für den Freitagnachmittag nach der Entscheidung bereits zum Sommerfest. Und an der HU gibt es erst Kaffee und Kuchen beim Präsidenten und abends einen Sektempfang. Egal, was am Ende in der Mail steht.

    Der Text ist zuerst in der taz, 15.6.2012, erschienen.

  • “Das gibt es nicht in Gießen”

    “Das gibt es nicht in Gießen”

    An der FU wird gehofft und gebangt: wird die Uni noch mal exzellent? Präsident Peter-André Alt über den Spirit der Elite, negative Effekte und die Zeit danach.

    Herr Alt, am Freitag entscheidet sich, ob die Freie Universität eine Exzellenz-Universität bleibt. Der Erfolgsdruck ist groß. Muss die FU um jeden Preis gewinnen?

    Peter-André Alt: Erfolgsdruck gibt es immer. Wir waren aber auch unabhängig von der Exzellenzinitiative wissenschaftlich sehr aktiv. Der DFG-Förderatlas zeigt, dass unsere Universität auch ohne Berücksichtigung der Exzellenz-Gelder die meisten Forschungsmittel in Deutschland einwerben konnte. Ihre Mittel aus der dritten Förderlinie, dem Zukunftskonzept, hat sie sogar am effizientesten eingesetzt und am meisten aus ihnen gemacht.

    Es fehlen trotzdem über 40 Millionen Euro im Haushalt der FU, wenn sie nicht noch einmal die Fördergelder bekommt.

    Natürlich würden wir dann versuchen, die erfolgreichen Konzepte, die ja auch langfristig angelegt sind, weiter umzusetzen. Es wäre fatal, wenn wir Einrichtungen wie unsere Dahlem Research School oder das Center for International Cooperation wieder schließen müssten. Es wäre schwierig, alle Projekte in den ohnehin angespannten Normaletat zu übernehmen. Die durch die Förderung erzeugte Dynamik würde auf halber Strecke aufgehalten. Das wäre ein ganz problematischer Umstand für uns. Dann bräuchten wir die Unterstützung des Landes, beispielsweise über die Einstein-Stiftung.

    Gibt’s schon Kürzungslisten?

    Wir haben einen Schwerpunkt in der Nachwuchsförderung und müssen auch bei den Promotionsprogrammen weiter Akzente setzen. Da können wir uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Schwierigkeiten gäbe es im Bereich der Forschungsplanung, die müsste dann aus den knappen Bordmitteln finanziert werden. Im Bereich der Internationalisierung müssten wir uns sehr genau anschauen, welche der sieben internationalen Verbindungsbüros wir uns dann leisten könnten. Eine Reduzierung wäre sehr bitter.

    Bei der Exzellenzinitiative geht es um Spitzenforschung. Was bringt es den Studenten, wenn die FU noch mal exzellent wird?

    Man macht es sich zu einfach, zu sagen: Ihr werdet mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, weil ihr an einer Exzellenz-Universität studiert habt. Ich glaube, den Mehrwert macht etwas anderes aus: der Spirit. Wir haben hier in den letzten Jahren etwas gemeinsam aufgebaut. Die Freie Universität hat sich internationale Strahlkraft und ungeheure Forschungsperspektiven erarbeitet – davon profitieren natürlich auch unsere Studierenden. Vor Kurzem erhielt hier der herausragende Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha die Ehrendoktorwürde, davor der pädagogische Vordenker Lee Shulman. Das sind Strahlpunkte der Wissenschaft. Den Studierenden muss klar sein, das gibt es nicht in Paderborn oder Gießen.

    So viel zum Spirit. Das ist aber nicht der Alltag im Hörsaal. Die Lehre ist alles andere als exzellent.

    An der Freien Universität arbeiten wir stetig daran, wir haben schon bessere Zahlen. Seit 2006 konnten wir die Abschlussquote von 50 auf 75 Prozent steigern. Leider ist das Betreuungsverhältnis in einigen besonders stark nachgefragten Fächern nicht optimal. Wir konnten das Verhältnis dennoch verbessern. Früher kamen auf einen Dozenten 75 Studierende, jetzt sind es 55. Ich will es nicht schönreden, das sollte noch besser werden.

    Was tun Sie dagegen?

    Allein bekommen wir das Problem nicht vom Tisch, weil wir an die gesetzliche Kapazitätsverordnung gebunden sind. Das heißt, wenn wir mehr Dozenten einstellen, müssen wir gleichzeitig mehr Studierende aufnehmen – das ist wiederum eine Frage der Finanzierung. Wir versuchen deshalb bei der ergänzenden Betreuung mehr zu machen. Beispielsweise durch intensive Beratungen, Mentorierungsprogramme und Tutorien.

    Die Exzellenzinitiative führt auch zu Engpässen in der Lehre.

    Wir kennen das Problem. Ein Exzellenzcluster aufzubauen ist eine Heidenarbeit. Diese Professoren können nicht neun Stunden lehren. Die temporären Reduktionen in der Lehre sind nennenswert. Geschätzt hat etwa ein Viertel der 300 Professoren in der Lehre reduziert. Das ist eine Chance für den wissenschaftlichen Nachwuchs und Postdocs außeruniversitärer Institute, die Vertretungsprofessuren übernehmen. Gleichzeitig erkenne ich die Interessen der Studierenden absolut an. Die Dozenten werden teilweise nach einem Jahr berufen und wechseln, die Studierenden suchen länger nach Prüfern. Das ist ein Dilemma. Ich sage es ganz ehrlich, das ist schwer zu lösen. Wir versuchen Kontinuität bei den Vertretungen zu schaffen.

    Das Interview ist zuerst in der taz, 15.6.2012, erschienen.

  • Der FU schifft’s ins Hirn

    Der FU schifft’s ins Hirn

    Die Freie Universität Berlin hat ein Problem mit ihrer Philologischen Bibliothek, die auch “The Brain” genannt wird. Denn “das Hirn” ist nicht ganz dicht – und das gleich an mehreren Stellen.

    Noch lacht die ganze Welt über Berlins Unvermögen, einen Flughafen pünktlich zu eröffnen; da wird auch schon die nächste peinliche Baupanne bekannt. Die Philologische Bibliothek der Freien Universität (FU), wegen ihrer schädelartigen Architektur oft nur „The Brain“ genannt, kämpft seit Monaten mit dem Wetter. Es regnet durch. Schuld sind undichte Gummiprofile zwischen den Fenstern der Büchereikuppel. Das Problem ist nicht neu, seit der Eröffnung vor mehr als sechs Jahren leckt das Gebäude. Doch in letzter Zeit ist es deutlich schlimmer geworden. Vor einem guten Monat gab es einen schweren Wassereinbruch: Die halbe Bibliothek musste gesperrt werden.

    Wasserflecken und Imageschaden

    Für die Universität ist das ein schwerer Imageschaden. Denn die Philologische Bibliothek ist nicht irgendein Gebäude, sie ist das Wahrzeichen der FU. Der britische Stararchitekt Norman Foster hat sie konstruiert. Forster war auch für den Umbau des Reichstags samt Kuppel verantwortlich. Zudem ist die Bücherei ein sogenanntes intelligentes Gebäude: Es lüftet und temperiert sich selbst. Der Bau hat rund 20 Millionen Euro gekostet. „The Berlin Brain“ hat Architekturpreise gewonnen, die Bundesregierung zeichnete es in einer Imagekampagne als einen „Ort der Ideen“ aus. Das entspricht dem Selbstbild der Uni: Innovation, Einfallsreichtum, Exzellenz.

    Klügstes Gebäude in Dahlem

    Wahrscheinlich ist das Brain wirklich eines der klügsten Gebäude in Dahlem – auf einen profanen Wasserschaden scheint es trotzdem nicht gut vorbereitet. Im Eingangsbereich stehen neben dem runden Teppich mit dem Wappen der Uni leere Mayonnaise-Eimer, vermutlich eine Spende der Mensa. Mitarbeiter stellen sie und einige Mülleimer bei starken Niederschlägen auf. Vor einigen Arbeitsplätzen ist Absperrband gespannt, die Regale auf der obersten Etage sind mit Plastikplanen abgedeckt. An der Innenhülle der Bibliothek bilden sich Wasserflecken.

    Reparaturen verzögern sich

    Der Kampf gegen das Wasser wird auch von außen geführt: Ein großes Gerüst umgibt die Kuppel. Die Reparaturen begannen im August und sollten ursprünglich lediglich bis Weihnachten dauern, daraus wurde Februar und Juni. Nun können die Bauarbeiten laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung frühestens Ende Juli fertiggestellt werden. Die Reparaturen haben sich verzögert, weil sie offenbar nur bei schönem Wetter durchgeführt werden können.
    Hinzu kommen weitere drei Monate, in denen die innere Textilhülle der Bibliothek und der Teppichboden gereinigt werden. Dies soll außerhalb der Öffnungszeiten geschehen. Auch die Wiese im Bereich des Gebäudes muss neu angelegt werden. Insgesamt kostet die Sanierung nach Angaben des Senats etwa 1,8 Millionen Euro. Bezahlen muss die Haftpflichtversicherung des Bauunternehmens, das die Außenhülle gebaut hat. Die Firma ist während des Baus insolvent gegangen: Ihr konnten vor Gericht Ausführungsfehler nachgewiesen werden.

    “Wir haben keine Schuld”

    Der Chef der Philologischen Bibliothek, Klaus Werner, kann die Reparaturen von seinem Büro aus gut sehen und vor allem hören. Bauarbeiter hämmern an der Außenhülle, ersetzen die Gummiprofile und rufen sich Witze zu: echte Baustellenatmosphäre. Werner schaut gequält, er hält den Krach für die größte Belastung der Bibliotheksnutzer: „Es sind notwendige Reparaturen. Wir haben keine Schuld und der Architekt hat nachgewiesenermaßen auch keine Schuld“, betont er. Zudem sei es in den letzten Wochen besser geworden. Er wolle aber nichts beschönigen: „Natürlich ist das alles schade und es tut mir irgendwie weh.“ Werner wirkt, als wüsste er selbst nicht genau, wie seine Vorzeigebibliothek so schnell zur Baustelle werden konnte.

    Lieber später studieren

    Die Bibliotheksleitung will es wieder gutmachen, Werner setzt dabei auf Transparenz. Ein Bildschirm am Eingang der Bibliothek informiert über die Reparaturen und warnt davor, Laptops wegen des Regens unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Für einen beschädigten Computer hat die Bibliothek bisher die Reparatur bezahlt, bei einem weiteren wird eine Kostenübernahme geprüft. Werner rät den Studierenden, nach 15 Uhr zu kommen, dann sind die Bauarbeiten meist beendet. Am Wochenende finden keine Bauarbeiten statt: Die Bibliothek hat ihre Öffnungszeiten an beiden Tagen um zwei Stunden verlängert. Das lohnt sich vor allem für Spätstudierende.
    Trotzdem volles Haus

    Anfangs gab es viele Beschwerden, sagt Werner, inzwischen habe das jedoch abgenommen. Die Bibliothek ist trotz der Bauarbeiten gut gefüllt, nachmittags gibt es kaum freie Plätze. BWL-Student Maurice sagt: „Ich nehme die Bauarbeiten hin. Schade, dass die Bibliothek dafür nicht auch an Feiertagen öffnet.“ Mathematikstudentin Elisabeth kommt fünf Tage die Woche ins „Brain“. Anfangs habe sie der Lärm sehr gestört, nicht mal Ohrstöpsel hätten geholfen, sagt sie. „Inzwischen geht es aber.“

    Viele Studierenden haben sich offenbar daran gewöhnt, auf einer Baustelle zu studieren. Die Freie Universität hofft trotzdem vor allem auf – gutes Wetter.

    Dieser Text ist zuerst in der taz, 4.06.2012, erschienen

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