Kreativ und depressiv? Eine Discounthotline verspricht Hilfe. Sie führt direkt in ein indisches Callcenter. Dort sitzt Rajiv Ratra und hört zu. Dieses Mal: Das Straßenmodel

Text: Laurence Thio, Tin Fischer Foto: Perry French (CC-Lizenz)
- Ist hier die Hotline für depressive Kreative? fragt die Stimme, als Rajiv den Anruf entgegennimmt.
Ich wollte nur sagen, dass ich’s aufgebe. Es hat keinen Zweck mehr.
Oha, denkt sich Rajiv. Das hier scheint eine Herausforderung zu werden.
- Wie kann ich Ihnen helfen? fragt er.
- Alles habe ich schon probiert, klagt Rahel. Den Petticoat, den alten Barbour-Mantel mit dem cognacfarbenen Lederrock und den Kimono mit den Sneakers – alles!
Rajiv ist irritiert:
- Sie finden nicht die richtigen Kleider?
- Kleider?! faucht Rahel ihn an. Ich arbeite seit Tagen auf der Strasse. Es geht hier nicht um Kleider! Ich bin ein Mannequin – ein Gesamtkunstwerk, fügt Rahel an. Wir tragen Visionen!
Rahel macht eine Kunstpause, das war gut: Mannequin klingt würdiger als Model, Gesamtkunstwerk besser als Auftragsfotografie.
Rajiv, an sich unmodisch, sitzt in kariertem Hemd, einer verwaschenen Jeans mit Hosenträgern über dem Pullover am Arbeitsplatz und fragt vorsichtig:
- Ihr Laufsteg ist die Strasse? Rahel setzt ein helles, zustimmendes Lachen auf, das etwas übertrieben wirkt.
- Ja, ich stehe kurz vor dem Durchbruch. Aber der Fotograf boykottiert mich.
- Wer?
- Der Fotograf von „Stil an der Sihl“. Rajiv googelt und findet besagten Fashionfotoblog. Er sieht junge Menschen, sie stehen entrückt in Städten herum. Alle schauen sehr ernst: Sie tragen „wasted slim jeans“ oder ausgetragene Pluderhosen, zu grosse T-Shirts, gebrauchte Schuhe. Vieles sieht nach dem Griff in die Oma-Kiste aus, findet Rajiv. Wenn sie Brillen tragen, so sind diese ungehörig gross. Alle Models ähneln einander. Unter den Fotos stehen englische Beschreibungen wie „Aya, 21, artist. Damir Doma coat, Prada top, Givenchy shirt“ oder „Emma, 19, Student from Stockholm. Vintage coat, fur collar and gloves, Vagabond shoes, Bag from a Turkish shop on Kottbusser Damm, Berlin“.
- Ich muss da rein! Es ist überlebenswichtig.
- Was tragen Sie denn?
- Ich dachte schon, Sie fragen nie! antwortet Rahel schnippisch. Ich trage einen kamelfarbenen Kaschmirschal von Acne, eine kurze Lederhose von American Retro und dazu die Schuhe, die ich in Amsterdam gefunden habe. Das ganze kombiniert mit einer Pünktchenbluse von Chanel mit roten Erdbeerknöpfen und Puffärmeln – natürlich vintage. Dann noch den Nagellack 423 von Dior, den hab ich exklusiv von der Nagellack-Preview.
- Aha. Rajiv ist beeindruckt. Wie berät man in Modedingen, wenn man überhaupt keine Ahnung von Mode hat?
- Was versprechen Sie sich davon, in dem Blog zu erscheinen?, fragt er vorsichtig.
- Ruhm! kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Die Models, die entdeckt werden, kriegen oft Verträge mit kleinen Berliner Labels und dürfen dann öfter laufen. Ausserdem ist es authentischer. Es ist bedeutsamer!
- Haben Sie es nicht auch anders probiert?
- Also früher habe ich bei H&M gearbeitet. Aber dann kam diese Sache mit meiner Kollektion, die ich mit ins Sortiment geschmuggelt hatte. Das kam nicht so gut an. Jedenfalls habe ich jetzt diese Stelle in dieser Wäscherei, was eigentlich – wenn man es rein karrieretechnisch betrachtet – besser, ein Schritt näher hin zur Mode ist. Es haben ja auch alle grossen Modemacher in Wäschereien angefangen. Kennen Sie Armani?
- Armani hat in einer Wäscherei angefangen? fragt Rajiv verwundert.
- Natürlich nicht! Aber er hat klein angefangen. So wie ich hier. Oje, da kommt er!
- Wer kommt? ruft Rajiv. Hallo?
- Keine Antwort.
- Armani kommt? Hallo? Sind Sie noch da? Können Sie mich hören? Aber da meldet sich Rahel auch schon wieder.
- Von wegen Armani, Sie haben doch keine Ahnung. Der ist in Italien, faucht ihn Rahel an. Der Fotograf natürlich!
- Sie verfolgen ihn? Rahel scheint jetzt im Stechschritt zu gehen. Sie atmet lautstark durch das Telefon. Aber seltsamer als der Atem ist das Geräusch im Hintergrund.
- Was raschelt hier denn so? fragt Rajiv verwundert. Sind Sie im Wald?
- Wenn Sie es genau wissen wollen: Das ist mein Kleid. Herbstkollektion. Ich bin jetzt dreimal an ihm vorbei gelaufen. Er ignoriert mich! Das kann doch gar nicht sein.
- Wieso sprechen Sie ihn nicht einfach an?
- Pah! Blumen werden gepflückt, sie pflücken sich nicht selbst. Sie verstehen nichts von Mode!
Rajiv seufzt. Er findet keine Modetipps im Netz. Nur Stylingtipps für mollige Frauen oder Ratschläge für grosse Frauen, die gern kleiner wären. Er versucht es mit allgemeinen Floskeln.
- Werden Sie von den anderen Passanten angestarrt?
- Und wie! Wir sind zwar viele. Aber an der Sihl bin ich eigentlich schon eine Ikone!
- Hm. Können Sie überhaupt noch normal gekleidet vor die Tür gehen, wenn die Strasse Ihr Laufsteg ist?
- Normal?! Nein, selbst wenn ich zum Bäcker gehe oder den Müll rausbringe, stelle ich natürlich ein Outfit zusammen. Aber genug gequatscht: Ich brauche eine neue Idee! Können Sie mich beraten? Was tragen Sie? Ich mag die Kleider von Psychologen. Sie sind so schön altmodisch. Tragen Sie ein Monokel? Rajiv seufzt. Er hat keine Ahnung. Er versucht es allgemein:
- Mode ist ein hartes Geschäft. Seien Sie radikal!
- Aha. Na vielen Dank auch, sagt Rahel und legt auf. Sie klang mehr nachdenklich als enttäuscht.
Einige Tag später besucht Rajiv den Blog noch einmal. Er sieht ein Foto, das mit „Rahel, Modeverarbeiterin, 22“ untertitelt ist. Doch zu sehen ist kaum etwas, ausser einer pinken Burka vor einem alten Gemäuer. Vor dem Gesicht ist ein Stoffnetz. Radikal, aber noch viel radikaler als gedacht, denn die Burka endet knapp unter dem Bauchnabel. Darunter Hotpants, nackte, grazile Beine in Stöckelschuhen. Mit Pünktchen. Rajiv kann es nicht genau sehen, aber er glaubt, unter der Burka ein Lächeln zu erspähen.

Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr