Kreativ und depressiv? Eine Discounthotline verspricht Abhilfe. Sie führt direkt in ein indisches Callcenter. Dort sitzt Rajiv Ratra und hört zu. Diesmal: Ein Tischbomber.

Text: Laurence Thio, Tin Fischer Foto: Polcapix (CC-Lizenz)
Als Louis Vollmann am Telefon von einer Tischbombe erzählt, ist Rajiv in Neu Dehli genervt: Was verdammt nochmal soll eine Tischbombe sein? Schnell gibt der Callcenteragent das Wort ins Übersetzungsprogramm ein: “party bomb”. Aha.
Er versucht es mit der Google Bildersuche. Ein Bild von zerfetzten Indern erscheint. Es ist mit “14 killed by Pakistan wedding party bomb” überschrieben. Rajiv runzelt die Stirn, klinkt sich wieder ein ins Gespräch und probiert es mit einem wertneutralen “Okay”.
– Und Sie haben eine Partybombe gezündet? fragt er Vollmann. Immerhin: er hat von seinem ersten Desasteranruf gelernt, als er nicht wusste, was ein Krippenspiel ist und es versehentlich für ein Musical hielt. Das hatte ihm die evangelische Kirche, für die er im Dienst war, schwer angelastet. Er wurde versetzt und betreut jetzt die Discounthotline für depressive Kreative.
– Die ganze Party habe ich gesprengt! sagt Vollmann stolz.
Rajiv ist verärgert: von Terroristen war nie die Rede! Trotzdem sucht er in seinem Computerprogramm nach weiteren Fragen. Er findet zwar alle möglichen psychischen Leiden, aber nichts zu Bombenbau und Terrorismus.
“Na super”, denkt er sich. Also die Notfallfrage:
– Was ist Ihr Problem, Herr Vollmann? Die Frage wirkt offenbar.
– Er ist mein Problem! schreit Vollmann.
– Er? fragt Rajiv.
– Mein Vater! Was glaubt der eigentlich, wer er ist? Ich bau hier die Tischbombe meines Lebens und er…
Vollmann ringt nach Worten. Im Hintergrund hört man Feuerwerksalven – es ist die Abschlussfeier des Studiengangs Pyrotechnik an der Zürcher Kunsthochschule. Gerade demonstrieren seine Kommilitonen die Feuerfertigkeit, die sie in viereinhalb Jahren Pyro-Studium perfektioniert haben. Aber den Knaller des Abends hatte Vollmann gelandet.
– Zwei Meter war sie gross, haben Sie so was schon mal gesehen? Mit Rosenblättern war sie gefüllt! Roten, weissen, schwarzen! Ich weiss schon, du sagst jetzt: das ist Kitsch. Aber mein Rosenbomber war ein Fest! Eine raffinierte Bombe. Erst das Farbspiel und dann der subtile Duft von Rosenessenz, der beim Abrauchen entstanden ist. Aber nein, Rajiv denkt sich nicht, dass das Kitsch ist. Er sieht nur die Horrorbilder der Verwüstung und Vollmann faselt über einen Rosenblätterregen. Glaubt da einer, bereits aus dem Paradies anzurufen? Er findet den Gedanken zwar selbst albern, fragt aber trotzdem, weil ihm nichts anderes einfällt:
– Von wo rufen Sie an, Herr Vollmann? Vollmann zögert. Dann entgegnet er knapp:
– Toilette.
– Toilette? fragt Rajiv.
– Ja, ich bin hier auf der Schultoilette! Uff. Rajiv ist erleichtert.
– Und was war mit Ihrem Vater?
– Als die Zündschnur fast abgebrannt war, schaute ich in den Raum. Und er war nirgendwo. Ich sah die Väter der anderen, die Mütter – nur mein eigener Vater war nirgends. Und dann hat’s auch schon geknallt. Er beginnt wieder zu schluchzen.
– Und er sagte nur, er sei eine rauchen gewesen. Verstehen Sie? Eine rauchen, während ich die Bombe meines Lebens zünde!
– Er sollte sterben? fragt Rajiv, denkt sich aber: Uff, wenigstens einer davongekommen. Das findet zwar auch Vollmann etwas übertrieben, dass der Vater gleich sterben sollte, und er hätte den Vorschlag von einem Sorgentelefon nicht erwartet. Trotzdem sagt er sehr bestimmt, weil man kann das ja mal andenken:
– Ja, das wäre das Beste. Er ist sowieso schon 85.
– Ihr Vater ist schon 85?! Rajiv ist erstaunt.
– Lange Geschichte, sagt Vollmann darauf nur. Vollmann senior ist der grösste Tischbombenfabrikant der Schweiz, ein Feuerwerker der alten Schule. Die Pyrotechnik hat er noch während des Zweiten Weltkriegs gelernt. Aber weil eine Sprengladung am Gotthardpass seinetwegen früher zündete, als sie sollte, also bevor Hitlers Armee überhaupt einmarschiert war, wurde er aus dem Dienst entlassen. Damit endete Vollmanns Militärkarriere und es begann der unaufhaltsame Aufstieg der Vollmann Tischbombenfabrik AG.
Doch in den 80er-Jahren steht sein Unternehmen unter Druck wie sonst nur seine Tischbomben bei der Zündung. Die Chinesen machen Konkurrenz. Und Vollmann ist zu diesem Zeitpunkt bereits 60 und hat weder Frau noch Kinder, geschweige denn einen Nachfolger. Da lernt er bei einer Vernissage eine junge Künstlerin kennen. Sie hat ihr Handwerk nicht im Krieg, sondern bei Rolf Knie gelernt. Wie ihr Mentor malt sie Zirkusbilder, die aussehen, als hätte man Tiere mit Farbe beschmissen. Vollmann stellt sie sofort ein, um neue Tischbombenumschläge zu gestalten. Die Bomben sprengen bei Spielwaren Franz Carl Weber die Bestsellerliste.
Doch nicht nur ökonomisch, auch familiär bedeutet die Bekanntschaft für Vollmann den Durchbruch. Vollmann junior wird geboren. “Eine Spätzündung”, nennt Vollmann senior das. Als Louis Vollmann zur Welt kommt, zündet der stolze Vater im Beisein der Verwandtschaft, von Freunden und Geschäftsfreunden, ja sogar Rolf Knie und Franz Carl Weber sind anwesend, eine Tischbombe.
Zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte der Vollmann Tischbombenfabrik AG verändert er den Inhalt der Bombe. Er füllt sie mit Rosenblättern. Doch es passiert etwas, was weder in Vollmanns Leben noch in der Geschichte der Vollmann Tischbombenfabrik je passiert war: die Bombe zündet nicht. Manche sagen, dass Vollmann senior nur deshalb nie bei den Zündungen der Bomben seines Sohns mit dabei ist, weil er eine solche Schmach kein zweites Mal erleben will. Aber das weiss weder Rajiv, noch durfte es Vollmann junior je von der Geschichte seiner Geburt erfahren. Und so schluchzt er ins Telefon:
– Es ist die pure Geringschätzung. Einmal hatte ich ein Tischbomben-Theater komponiert. Die Tell-Spiele! Eigentlich liebt mein Vater sie. Aber kurz bevor der Apfel aus der einen und der Pfeil aus der zweiten Tischbombe zündete, klingelte das Telefon. Und was macht mein Vater? Er geht ran! Angeblich wichtiger! Immer tut er so, als sei es aus Versehen! Vollmann hat sich in Rage geredet:
– Aber heute Abend ist er zu weit gegangen: Er ist seit 20 Jahren Nichtraucher! schreit Vollmann. Knie’sche Kreationen Doch wird es nach dem Geschrei plötzlich still. Rajiv hört ein Klopfen durch das Telefon.
– Sohn, bist du das? ruft eine Stimme aus der Nebenkabine. Im Befehlston sagt der Vater: Mach auf!
– Ich bin auf der Toilette! entgegnet Vollmann.
– Mit wem redest du? Wer ist da noch drin?! fragt der Vater. Vollmann junior fühlt sich offenbar ertappt.
– Niemand, sagt er schnell. Ich telefoniere. Es hilft nichts. “Aufmachen!” befiehlt der Vater. Rajiv hört nur, wie der Junior gehorcht.
– Mit wem telefonierst du? fragt der Vater wieder.
– Mit niemand.
– Gib her!
– Ein Freund von mir. Von uns. Du kennst ihn! sagt der Junior und Rajiv runzelt die Stirn. Es ist Rolf, Rolf Knie! Hoffentlich hat er sich innerlich selbst geohrfeigt für dies bekloppte Antwort. Wie konnte ihm ausgerechnet nur dieser Name einfallen? Aber der Vater hat ihm das Telefon bereits aus der Hand gerissen.
– Rolf? meldet sich eine alte Männerstimme. Rajiv hat keine Ahnung, wer Rolf Knie ist.
– Ja? sagt er, vorsichtshalber mit etwas tieferer Stimme.
– Du klingst seltsam, alles in Ordnung? Aber Vollmann senior ist jemand, der sich lieber selbst reden hört, als anderen zuzuhören, und so lässt er den Sohn in seiner Kabine sitzen, geht zurück in seine eigene und setzt zu einem Monolog an:
– Du hättest hier sein sollen, Rolf! Was für eine Bombe, die mein Sohn gebaut hat. Ganz der Vater, sag ich dir. Ganz der Vater! Ich habe ja immer behauptet, dass man die Pyrotechnik nur im Krieg lernen kann! Aber ich muss sagen: gar nicht mal schlecht, was der kleine Studiosus hier gebaut hat! Der Bengel hat das grossartig gelernt, sagt Vollmann und bemerkt, dass er die Spüle noch nicht betätigt hat.
– Wie findest du das, Rolf? fragt er schliesslich. Tja, was soll Rajiv dazu sagen? Doch muss er sich darüber keine Gedanken mehr machen. Der Vater drückt auf die Spülung, aber statt zu rauschen, macht es: Bang! Rajiv reisst vor Schreck das Headset vom Kopf und hört es durch das Telefon dröhnen. Jemand, der etwas von seinem Handwerk versteht, hat offenbar den Spülkasten mit Farbe gefüllt und durch den Siffon umgeleitet. Wie der Zirkuskram aus der Tischbombe ist die Farbe aus der WC-Schüssel geschossen, hat die ganze Toilettenkabine vollgespritzt und den Vater in Farben getaucht. Perplex schaut dieser um sich.
– Rolf? sagt er schliesslich. Das sieht hier aus wie in einem Bild von dir. Wäre tatsächlich Rolf Knie am Telefon gewesen, hätte er sich wohl beleidigt gefühlt, dass man seine Bilder auch einfach aus der Toilette knallen kann. Aber es ist schon so: Vollmann senior sieht aus wie einer dieser bunten Tiger in einem Gemälde von Rolf Knie. Und Rajiv hört nur den Junior zum Senior sagen:
– Jetzt hast du endlich mal zugeschaut.

Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr