Kreativ und depressiv? Eine Discounthotline verspricht Hilfe. Sie führt direkt in ein indisches Callcenter. Dort sitzt Rajiv Ratra und hört zu. Dieses Mal: Der Nazi-Regisseur.

Text: Laurence Thio, Martin Fischer  Foto: Stephen Burch (CC-Lizenz)

Plötzlich setzt Ronny zum Stich an. Fast  sieht es freundschaftlich aus, wie Ronny, der Neonazi zusammen mit Didinga Mabuto auf der Bühne steht – wäre da nicht das Butterfly-Messer.

Brössler, hechtet los, schlittert über die Bühne, schreit. Die Szene war nicht abgesprochen.  Wenn Ronny, Didinga, die Asylbewerberin aus dem Kongo, jetzt wirklich absticht, ist die ganze Inszenierung hin. Ronny hält inne, dreht sich um, er fühlt sich ertappt. Didinga sackt in Todeserwartung ohnmächtig nach hinten. Brössler gibt ein Zeichen, der Vorhang fällt. Pause.

Brössler stürmt in seine Gaderobe. Er greift zum Telefon:

– Depressiv und kreativ, wer ist da und wie kann ich ihnen helfen, meldet sich Rajiv Ratra in seinem Callcenter in Neu-Dehli.

- Rudolf Brössler, Regisseur, Provokateur – ich habe gerade einen Mord verhindert.

Rajiv seufzt. Es ist Samstagabend, seine Schicht endet in fünfzehn Minuten. Die Irren rufen immer kurz vor Feierabend an.

- Und weiter?

- Sie verstehen nicht: Ich hab den Mord erst provoziert, indem ich Neonazis auf Asylbewerber losgelassen habe und ihn dann im letzten Moment verhindert.

- Aha. Was ist Ihr Problem?

- Ich weiß nicht wie es weiter gehen soll.

Brössler schlägt nun einen geschäftigen Ton an. Es ist ungefähr die Tonlage,  in der man Schauspielern erklärt, wie man sich seine Inszenierung vorstellt.

- Ich führe gerade meine Adaption von Shakespeares Romeo und Julia im Kurtheater Bad Freienwalde auf. Eine provokante Inszenierung.

Rajiv googelt. Er findet die Website des Theaters, da sieht er auch ein Foto von Brössler. Graues Haar, etwas untersetzt. Eine schwarze Brille mit Halbmond-Gläsern und ein weißer Anzug. Er sieht streitsüchtig aus.

Rajiv liest die Beschreibung des Stücks. Vom Plot ist nichts übrig geblieben. Sieben ortsbekannte Neonazis machen mit. Das Bezirksgericht hat sie zu Sozialstunden verurteilt, sie müssen mitspielen. Der Clan der Capulets wird von Asylbewerbern dargestellt. Es ist das schauspielerische Debüt beider Gruppen. Proben gab es vor der Aufführung nicht. Verbunden sind sie über Funk mit dem Agent Provocateur und Sozialregisseur Rudolf Brössler. Rajiv runzelt die Stirn, er hatte noch nie viel für Theater übrig. Es gibt einen Livestream des Theaterstücks, er klickt und sieht die Bühne. Glatzen in Bomberjacke schreiten die Bühne ab.

- Die Pause ist in 10 Minuten vorbei. Sie müssen mein Stück retten. Im Publikum sitzen auch die Stadträte, die entscheiden, ob mein Haus weiter Förderung bekommt.

- Wieso haben Sie Neonazis auf die Bühne gelassen, ist das nicht gefährlich?

- Völkerverständigung, antwortet Brössler knapp

- Wie meinen Sie das?

Brössler platzt der Kragen:

- Ich hab keine Zeit Ihnen meine Inszenierung zu erklären. Es ist eine komplexe, politische Produktion – am Ende sollen sie sich aber alle bei den Händen fassen und im Kreis tanzen.

Für Rajiv klingt das weltfremd. Kurz: Nicht aufführbar. Rajiv schaut noch mal den Plot bei Wikipedia nach.

- Romeo und Julia sterben im Stück eigentlich, wäre das nicht einfacher zu inszenieren?

-Sie haben keine Ahnung von Kunst. Die Leute kommen nicht in mein Theater um sich Tragödien anzuschauen. Davon haben wir in Brandenburg genug.  Wollen Sie ab hier übernehmen? Es ist eigentlich alles bereit. Mir ist alles aus dem Ruder gelaufen. Brössler hat jetzt einen flehenden Ton drauf.

- Das ist IHR Stück!

- So wie ich das sehe, zahle ich hier mehr als vier Euro pro Minute für Ihre Hotline-Hilfe. Mehr verdiene ich auch nicht.

Brössler nimmt das Telefon mit  und geht zurück zur Bühne.

- Improvisieren! Sie sagen mir, was ich tun muss, ich sags den Schauspielern.

Rajiv sieht auf dem Computer  wie der Vorhang aufgeht, Asylbeweber und Neonazis stehen sich gegenüber.

- Lassen Sie jemanden etwas vorlesen.

- Was denn?

- Eine Charta der Menschenrechte?

- So was haben wir nicht da. Geht auch ein Theaterprogramm?

- Ja.

- Rajiv sieht wie Ronny, der Neonazi, einen Schritt vortritt und widerwillig die Beschreibung des eigenen Stücks vorliest.

- Brössler murmelt anerkennend: Das ist ziemlich meta-meta. Ich hoffe die Stadträte kommen noch mit.

Rajiv weiß nicht weiter. Er greift zu einem Klassiker des postmodernen Theaters: Nackedeis.

- Die beiden Gruppen sollen sich ausziehen!

Brössler befiehlt es über Funk. Sie weigern sich. Rajjiv hört einen sudanesischen Flüchtling sagen:

- Ich bitte zwar in Deutschland um Asyl, aber das heißt nicht, dass ich die Perversion Ihres Theaters unterstütze. Auch die Neonazis sind unsicher, ob sie nicht gerade entartete Kunst fabrizieren.

- Das ist doch ungesund!

Brössler ist begeistert, er ist wieder drin.

- Es ist der Aufstand gegen Gott – gegen mich! Das ist brillant! Jetzt komme ich ins Spiel, ich komme auf die Erde nieder.

Rajiv sieht wie Brössler im weißen Anzug die Bühne betritt. Er entkleidet sich und beginnt im Kreis zu tanzen, dabei proklamiert er: „Wer ist Gott? Ich bin Gott!“. Es ist wie bei einem Unfall auf der Autobahn, Rajiv kann einfach nicht wegschauen. Das Publikum beginnt zu buhen. Ein Neo-Nazi hält es nicht mehr aus, er schlägt Brössler K.O. Die Zuschauer applaudieren, auch die Asylbewerber klatschen. Dann verlassen beide Gruppen die Bühne. Zurück bleibt nur Brössler: zusammengekrümmt, nackt, am Boden. Er sagt:

- Großes Theater.

Rajiv hört es nicht mehr. Er hat bereits den Computer heruntergefahren.