In einem Weiterbildungskurs der UdK lernen Berufsmusiker Facebook, Twitter und das Bloggen kennen. Sie hoffen auf extra Einnahmen aus dem Internet.

Text: Laurence Thio   Foto: Anja Tscheuschner (Udk Digimedial)

Jasmine Thomas steht ungewöhnlich verzagt am Pult. Dabei liegen ihr Bühnenauftritte doch besonders. Gerade tönte ihre tiefe Soulstimme noch aus den Boxen, jetzt prasseln Fragen auf sie ein: “Warum schreibst Du gerade diese Songs?” und “Was heißt Rock, Pop, Black Music – geht das nicht konkreter?” Jasmine Thomas schaut ratlos und sagt: “Ich weiß nicht, die Songs fließen einfach aus mir raus!”

Die Fragen stellen Berufsmusiker aus dem Kurs “Digimedial – Strategisches Musikmarketing im Internet”, einem kostenlosen Weiterbildungsangebot der Universität der Künste (UdK). Die 20 Musiker sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Sie geben der jungen Soulsängerin Rückmeldung, nachdem sie ihre Internetstrategie vor der Gruppe präsentiert hat.

In dem elftägigen Kurs sollen die Berufsmusiker lernen, wie sie ihre Musik im Internet verbreiten, bekannt machen und vermarkten. Dabei lernen sie soziale Dienste wie Facebook, Twitter und Blogs kennen – zusätzlich kriegen sie Marketingkurse. Die meisten Teilnehmer kennen sich grundsätzlich schon mit dem Internet aus, nutzen soziale Medien aber nur privat oder überhaupt nicht. In Berlin ist ein derartiger Kurs bislang einzigartig, ab Mai soll es nach Plänen der Veranstalter auch Fortgeschrittenenkurse geben.

Denn das Netz wird für selbstständige Musiker immer wichtiger, das Musikgeschäft hat sich in weiten Teilen digitalisiert. Wer nicht im Internet zu finden ist, dem gehen Fans und Kunden verloren.

Kursleiter Matthias Krebs, selbst ausgebildeter Opernsänger und Musikpädagoge, kommentiert den Vortrag: „Jasmine, Du musst dein Profil weiter schärfen und Du brauchst eine überzeugende Künstler-Story!“. Die Soulsängerin will im nächsten halben Jahr ihre Bekanntheit in Berlin erhöhen, sie fürchtet den Aufwand:“Ich glaube, dass kostet mehr Zeit als ich eigentlich habe. Zeit in der ich auch Musik machen könnte. Andererseits ist es eine Chance“, sagt die 28-Jährige.

Es folgt eine Unterrichtseinheit, in der sich die Teilnehmer einen Blog einrichten sollen. Opernsängerin Ute Freund klickt sich durch ihre Internetpräsenz und ist verblüfft, wie schnell die Website eingerichtet ist. Doch bei einem Feld, in dem sie sich selbst vorstellen soll, zögert die erfahrene Mezzo-Sopranistin.

Freund kämpft mit dem, was Krebs das „geheime Kursziel der Weiterbildung“ nennt. „Die größte Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Kommunikation im Netz“, sagt Krebs und schaut versonnen. Viele Teilnehmer seien unsicher, was sie an die Öffentlichkeit geben könnten. Vielen falle es schwer, sich selbst zu einer Marke zu machen. Die Vermarktung im Internet zwinge die Leute ein klares Profil aufzubauen, „einige der Musiker beschäftigen sich das erste mal systematisch mit ihrem Musikprojekt und finden dadurch zu sich selbst“, sagt Krebs.

Nach dem Bloggen  gibt es eine Gesprächsrunde: Experten aus dem Musikmarketing erzählen von Fallbeispielen. Eines dieser Fallbeispiele ist selbst zu Gast: Die Künsterlin Zoe.Leela und ihr Manager berichten wie sie ihre Songs im Internet unter Creative Commons-Lizenz zum Download angeboten haben. Das heißt, die Musik kann kostenlos heruntergeladen werden und darf nicht-kommerziell genutzt werden. So kam Zoe.Leela an Werbeverträge mit Unternehmen.

Ein Teilnehmer schüttelt den Kopf. „Bekanntwerden kann im Netz offenbar jeder, der Knackpunkt ist aber doch das Geldverdienen!“ Zoe.Leela räumt ein, viel Geld habe sie tatsächlich nicht gemacht. Die Frage nach dem Geldverdienen wird im Kurs immer wieder gestellt.

Kursleiter Krebs kennt die Hoffnungen vom schnellen Geld im Internet. Eine Anleitung für den Erfolg gibt es nicht. „Zuerst geht es um die kontinuierliche Arbeit am Webauftritt. Wenn die Musiker viele Fans im Netz gefunden haben, lässt sich mit ihnen Geld verdienen – auch außerhalb des Internets.“

Nachdem alle Blogs eingerichtet sind, klappen die Kursteilnehmer die Notebooks zu. Einige von ihnen schultern Instrumente – sie gehen heute noch Musik machen.

Der Text ist zuerst in der taz erschienen.