Herr Zhang ist einer von Tausenden Klein-Erfindern. Sein Traum: die Welt mit einem Elektro-Kondom retten.

Text: Laurence Thio  Foto: Vivian Chen (Flickr, CC-Lizenz)

 

Sie kommen nachts, wenn Herr Zhang die Buchhaltung erledigt und nebenan die Karaokemaschinen lärmen. Sie kommen, wenn er bald darauf im Bett liegt. Ohne sie wäre Herr Zhang ein unauffälliger chinesischer Mittelständler. Doch die Geistesblitze machen ihn zu einem Mann, der das Erfinden nicht lassen kann und bereit ist viel zu riskieren.

Herr Zhang ist auf dem Sprung: Die eigene Karaokebar und seinen Supermarkt hat er bereits verkauft. Er will zurück nach China, und seine zwei besten Erfindungen produzieren: ein Elektro-Kondom und ein Wellenkraftwerk. Was dann kommt, ist für ihn klar: der Weltmarkt. Noch steht der 45-Jährige aber in seinem alten Lokal in der Berliner Kantstraße, nicht weit von zahlreichen China-Restaurants, Nagelstudios und Asia-Reisebüros. Noch.

Erfinden aus Tradition

Herr Zhang ist einer von Tausenden Tüftlern in Deutschland. Knapp 48.000 Erfindungen wurden 2010 in Deutschland angemeldet, schätzt das Deutsche Patent- und Markenamt. Die Patentanmeldungen gehen seit einigen Jahren leicht zurück. Dabei hat das Erfinden in Deutschland stolze Tradition: Der Buchdruck wurde hier entwickelt, das Auto und zuletzt auch das MP3-Format. 30 Patente hat auch Klein-Erfinder Zhang beigesteuert.

Seine Karaokebar hat sieben Séparées – benannt nach Metropolen wie London, New York, Peking – dort singen die Gäste Originale nach. Im achten Raum hat Herr Zhang sein Büro. Er macht dort gewissenhaft die Buchhaltung und arbeitet anschließend an neuen Ideen.

“In China kriege ich meine Chance”

In zwanzig Jahren hat ihm jedoch keine den Durchbruch gebracht. Jetzt träumt er den chinesischen Traum: “In Deutschland riskiert niemand etwas. In China kriege ich meine Chance.”

In der Volksrepublik ist die Zahl der Patentanmeldungen explosionsartig angestiegen. Bislang galt China als Werkbank der Welt, jetzt will es zu einer Erfinder-Nation werden. Das legt das Strategiepapier “Nationale Patententwicklung 2011-2020″ nahe, das die chinesische Regierung im vergangenen November veröffentlicht hat. Die Regierung will verstärkt Förderprogramme für Erfinder und Milliardeninvestitionen bereitstellen. Es ist der Beginn einer Aufholjagd, bei der es um Ideen und Köpfe geht.

Irgendwie ist auch Herr Zhang in diesen Wettbewerb geraten: “Ich will beweisen, dass einer wie ich es schaffen kann”. 1979 kam er aus dem sozialistischen China in die Bundesrepublik. Seine Eltern waren Bauern, sie konnten kein Wort Deutsch und hofften auf ein besseres Leben. Zhang besuchte die Hauptschule und kellnerte im China-Restaurant. Später wurde er Geschäftsführer eines Edeka-Supermarkts, vor Jahren kam die Kneipe hinzu. Doch das grundsolide Leben zwischen Großraumlager und Karaokebar reicht Herrn Zhang nicht.

Ein Toilettendeckel mit Geruchsabzug

Kurz vor seiner Abreise präsentiert er in seiner Bar einige seiner besten Erfindungen. Neonlichter tauchen Herr Zhang in grelles Grün. Wenn es um ihn geht, ist er einsilbig. Spricht er über seine Erfindungen, verliert er sich in Superlativen. Nicken verleiht seinen Sätzen Nachdruck.

Zuerst zeigt er seinen neusten Prototyp: Einen Toilettendeckel mit Geruchsabzug. Schläuche sind an der Unterseite der Klobrille befestigt, steckt man das Provisorium in die Strombuchse, saugen sie Luft an. Doch wohin? Ein Filter fehlt.

Schon ist er beim nächsten Unikat, einem Rollstuhl, der Treppen gehen kann. Statt zwei hat der Stuhl fünf kleine Räder an jeder Seite. Fahrtüchtig ist er nicht, auch nicht auf dem Boden. Herr Zhang ist in der Entwicklung stecken geblieben, denn er musste noch einen gebogenen Außenspiegel für Autos entwickeln, der keinen toten Winkel hat. Er funktioniert tatsächlich, “doch der TÜV hat ihn nicht zugelassen”, sagt Zhang und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Jetzt ist der Chang-Roller an der Reihe – eine Vakuumpumpe mit herausziehbarem Seil – damit kann man den Kofferraum beim Transport großer Gegenstände absichern. Herr Zhang hat sich von Freunden und Bekannten Geld geliehen und in China 300.000 Stück produzieren lassen – er versucht sie seitdem europaweit zu vertreiben. Ein Kassenschlager ist der Chang-Roller nicht geworden.

Das Elektro-Kondom

Seine beste Erfindung überhaupt sei jedoch das Elektro-Kondom. “Aids gibt es, weil Männer kein Kondom benutzen, also musste ich eines erfinden, mit dem Sex mehr Spaß macht als ohne”, sagt Herr Zhang. Das Elektro-Kondom sei goldbeschichtet, er nimmt eine Whiskeyflasche aus dem Regal streicht mit dem Finger über das goldene Etikett, “in etwa so”. Durch die mechanische Arbeit des Mannes während des Geschlechtsaktes würde sich das Kondom elektrisch aufladen – bis 4,5 Volt sei das für den Mann stimulierend. “Das ist Nanotechnologie”, fügt er beeindruckt hinzu, es ist sein Beitrag für eine bessere Welt.

Zeigen kann er den Prototyp jedoch nicht: alle Kondome die er angefertigt hat, hat er schon wegegeben. Er merkt nicht wie skurril das wirkt. Herr Zhang schüttelt bedauernd den Kopf.

Zhang will eine Art Nobelpreis stiften

So könnte es ewig weitergehen. Herr Zhang setzt immer auf die nächste Erfindung, koste es, was es wolle. Wie ein Spieler, der nicht aufhören kann. Tatsächlich gibt es Aufstiegsgeschichten von Bauern, die Konzernchefs wurden. Es gibt Arbeiter, die heute Uniprofessoren sind, und wahrscheinlich gibt es auch Kellner, die Innovationen geschaffen haben. Doch sie sind die Ausnahme – auch in China.

Doch davon will Herr Zhang nichts wissen. Sein Glaube daran, dass er kurz davor ist, es zu schaffen, ist unerschütterlich. Er berichtet von den kommenden Erfolgen: Zehn Millionen Euro Unterstützung wurden ihm bereits von irgendeinem chinesischen Autozulieferer garantiert. Er lächelt wie ein Glücksritter. “Wenn ich erfolgreich bin, dann werde ich eine Stiftung gründen. Ähnlich wie der Nobelpreis”, sagt Herr Zhang.

Nachher wird er die Karaokebar abschließen, die Patente und Prototypen im Koffer verstauen. Morgen geht sein Flug.

Li Wang ist einer von Tausenden Klein-Erfindern in Deutschland. Sein Traum: Er will die Welt mit einem ominösen Elektro-Kondom retten.