Kreativ und depressiv? Eine Discounthotline verspricht Hilfe. Sie führt direkt in ein indisches Callcenter. Dort sitzt Rajiv Ratra und betreut Baumarktkunden wie Selbstmordgefährdete.

Text: Laurence Thio, Tin Fischer Foto: Origami Potato (CC-Lizenz)
Eigentlich hätte Rajiv “Nein” sagen müssen. Nein, mit dem Thema Offlinesucht kennt er sich nicht aus. Da konnte die junge Frau am Telefon noch so viel flehen, dass er ihr hilft. Aber andererseits: Kannte er sich mit irgendeiner der psychischen Störungen aus, deretwegen er jeweils angerufen wurde? Mit Suizid? Oder mit Vaterkomplexen? Und trotzdem hatte er ihnen allen helfen können. Also gab Rajiv “Offlinesucht” bei Google ein. Ausser der Frage “Meinten Sie: Onlinesucht” fand er zwar nur Klamauk zum Thema. Aber immerhin, dachte sich Rajiv: Der Patient weiss bereits, woran er krankt.
Das Schwierigste bei der Sucht ist ja das Eingeständnis der Sucht. Also wird sich auch dieses Problem lösen lassen. Und so erzählt ihm jetzt die junge Frau, Sabina heisst sie, von ihrer Sucht, die sie ruiniert.
Das Internet und sie, sie seien quasi Eins gewesen, sagte sie, als würde sie von einer einst glücklichen Ehe erzählen. Das erste Mal online mit 11, die erste Flatrate mit 15. Das erste Mal Twitter dann mit 22. “kaue kaugummi”, habe sie getwittert. “@kauerbluemchen: welchen denn?” habe jemand zurückgeschrieben und sie: “so bio-dings”. Dass das jemand interessiere, habe sie auch überrascht. Und erst recht, als es bald so viele waren, dass sie das Rezensieren und Verkaufen von Kaugummi zum Geschäft machen konnte.
Wann immer sie einen Kaugummi kaute, war sie online. Ihre Kaugummi-Kurzrezensionen auf Twitter waren Kult geworden. Die Offlinesucht kam schleichend.
– Es hat ganz harmlos angefangen, schluchzt sie. Beim Mittagessen konnte ich keine Kaugummis kauen. Ich begann dann auch mein iPhone auszuschalten. Das war total der Flash! Dann wurden die Mittagspausen immer länger. Und wissen Sie was? Es fühlte sich frei an. Tage und Nächte bin ich dann durch die Stadt geirrt, immer auf der Suche nach neuen Netzlöchern. Immer öfter habe ich mein iPhone zu Hause vergessen. Ich war berauscht und total off …
– Wie lange sind Sie schon offline?, fragt Rajiv routiniert.
– Seit fast einem Jahr, sagt sie und lässt ein nervöses Junkie-Kichern hören.
– Aber vielleicht ist ein Leben ohne Internet ja möglich, versucht Rajiv zu trösten, so richtig glaubt er selber nicht daran. Er geht weiter auf Ursachensuche. Was machen Sie denn, wenn Sie offline sind? Ist das tatsächlich so viel besser?
– Ich mache dies und das. Ich lasse mir mehr Zeit, gehe viel spazieren. “Der ultimative Kick ist diese Unerreichbarkeit, die ich die ganze Zeit spüre.” Das schnelllebige, hektische Web, ich habe es einfach ausgesperrt aus meinem Alltag. Man muss aufpassen an der Psycho-Hotline, dass man nicht plötzlich neidisch wird auf das Leid seiner Patienten. Rajiv passiert das heute zum ersten Mal. Er schaut auf seinen Bildschirm und kann sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt offline war.
– Aber das ist sicher nicht nur positiv!, sagt er streng, eher zu sich selbst als zu ihr.
– Am Anfang war es das pure Glück. Doch nach und nach bin ich immer mehr ins Aus geraten. Ich treffe meine Freunde weniger, ich werde nicht mehr zu Partys eingeladen. Vieles bekomme ich gar nicht mehr mit. Ich verziere stundenlang Briefe, nur um nicht meine Mailbox zu checken. Ich will nicht wissen, wie es da aussieht!
– Sie müssen es behutsam angehen, versucht es Rajiv. Schauen Sie online mal das Wetter nach.
– Ich kann nicht!, antwortet sie panisch. Ich habe das alles schon probiert. Es hat nichts gebracht! Ich habe mir sogar eine Selbsthilfegruppe gesucht, Slow Internet. Wir surfen mit gedrosselter Bandbreite, so ein Seitenaufbau kann schon mal zwei Minuten dauern. Zu Anfang dachte ich, das schlägt an. Aber durch das langsame Internet bin ich nun noch seltener online! Rajiv ist ernsthaft ratlos.
– Wie soll ich Ihnen denn jetzt helfen?!
– Räumen Sie meine Accounts bei Facebook, Twitter und Flickr auf, fleht Sabina. Rajiv zögert, eigentlich gehört das nicht in seinen Aufgabenbereich als Telefonseelsorger.
– Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.
– Sie müssen! Wollen Sie, dass ich Pleite gehe? Seitdem ich nicht mehr auf Twitter und Facebook Werbung mache, verkaufe ich keinen einzigen Kaugummi mehr. Sie schmatzt bekräftigend und gibt ihm Benutzernamen und Passwörter durch. Rajiv loggt sich ein. Was er sieht ist das digitale Äquivalent einer Junkie-Wohnung. Alles voller Spam, tausende ungelesene EMails. Allein schon die Betreffzeilen lassen Unheil ahnen: – “Re: Re: Re: Fwd: Fwd: Fwd: Re: Wann kommt endlich mein Kaugummi?!”
Wäre dies eine Wohnung, Rajiv hätte auf der Stelle wieder umgedreht und sie verlassen. Stattdessen aber tut er etwas Seltsames. Von Aussen sieht es vielleicht nach Verzweiflung aus, so, als könnte er seinem Patienten einfach nicht helfen. Wie wild haut Rajiv auf seine Tastatur. Aber dann kopiert er ganz ruhig den eingehauenen Text und fügt ihn als neues Passwort ein.
– Sabina, sagt Rajiv, hören Sie, Sie sind frei! Das Passwort kennt selbst er nicht, als er sich ausloggt.

Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr