Internet und neue Medien revolutionieren das Lernen an vielen Universitäten.  Andreas Vollmer von der HU rät zur Skepsis.

Interview: Laurence Thio    Foto: Richard Pyrker, Claudia Hosch (Portrait)

 

Die Universität Kassel hat gerade für eine halbe Million Euro iPads eingekauft. An der London School of Business and Finance gibt es eine Master-App für Facebook. An der Humboldt-Universität (HU) heißt E-Learning für viele Studierende, dass sie PDF-Dateien herunterladen können. Hinkt die HU hinterher?

Andreas Vollmer: Bei den iPads oder der Master-App für Facebook handelt es sich um Marketingentscheidungen. Welche Lerneffekte oder -vorteile das iPad oder Facebook-Anwendungen haben, ist nicht geklärt.

Was ist mit den US-Spitzenuniversitäten wie Harvard, Stanford und dem MIT? Die stellen ihre Vorlesungen als Audio- und Videoversion bei iTunes online.

Das ist ebenfalls Hochschulmarketing. Da geht es auch darum zu demonstrieren: Wir sind wer, wir sind die Besten, zahlt eure Studiengebühren bei uns. Das geht über eine Nutzung im Alltag weit hinaus. Die zentrale Frage ist doch: Wie kommt Lernen eigentlich zu Stande? Jedes einzelne Tool muss hinterfragt werden, ob es sich dazu eignet, die Informationen auch anzuwenden und kreativ zu nutzen.

Haben Sie Beispiele für den wegweisenden Einsatz von Webtools, der heute an der HU schon stattfindet?

An der Charité wird in einigen Vorlesungen per Klick abgestimmt, wie die Veranstaltung weiterverläuft. Welches Themen­gebiet soll in der Vorlesung vertieft werden oder wozu soll eine  praktische Übung folgen? Dadurch sollen die Studierenden aktiviert werden. Ähnliche Interaktionsformen könnten ­Diskussionen im Netz sein. Es gibt häufig Teilnehmer, die sehr intensiv im Seminar diskutieren und es gibt andere, die womöglich sehr gute, schriftliche Diskutanten im Netz sind.

Jede Hochschule hat inzwischen ihr eigenes E-Learning-System. Theoretisch kann man dort Blogs anlegen, Forumsdiskussionen führen und chatten. Doch das macht kaum jemand.

Wir können nicht quantifizieren, wie viele Dozenten Moodle, das E-Learning-System der HU, benutzen, um mehr damit zu machen als Seminartexte hochzuladen. Für viele ist Moodle allerdings Standard. Ein Vorteil von Moodle ist auch, dass die Plattform offen ist und Externe so leichter an den Seminaren teilnehmen können. Zudem garantiert die Humboldt-Universität durch den Einsatz von Moodle Datenschutz. Bei Google, Facebook oder Skype ist das nicht gegeben.

Wie könnte Ihrer Meinung nach der Hörsaal der Zukunft an der Humboldt-Universität aussehen?

Ich frage mich, ob der Hörsaal überhaupt die Lernform der Zukunft ist. Es gibt durch das Internet zahlreiche mobile und technische Möglichkeiten und es ist bislang nicht klar, welche Rolle sie übernehmen und welche die Präsenzuniversität behalten soll.

Das heißt, in Zukunft wird es vielleicht keinen Hörsaal mehr geben?

Doch, es wird ihn weiter geben. Der Hörsaal ist ein komischer Zwitter. Einerseits handelt es sich um einen Lernort, den es seit Menschengedenken gibt. Andererseits ist er durch die Negativ­entwicklung an der Massenuniversität degeneriert. Der Hörsaal muss neu erfunden werden. Präsenzuni und virtuelle Universität können sicher nebeneinander bestehen. Die Art, wie wir unsere Zeit im Hörsaal nutzen, wird sich verändern.

Mehr Informationen zum E-Learning Angebot der HU

Das Interview erschien zuerst in der Unaufgefordert, Februar 2011