Meine Schülerzeitung gibt es in diesem Winter bereits seit 12 Jahren. Das ist länger als ein ganzes Schülerleben. Zeit für einen Blick zurück.
Ich wusste es nicht. Die anderen Schülerzeitungs-Redakteure wussten es eigentlich auch nicht. Keiner hatte eine Ahnung wie man Artikel schreibt. Wir waren wie eine Punkband. Wir konnten keine Instrumente, wussten aber grob, wie das Spiel läuft.
An meinem ersten Tag bei der OHnE – im Dezember 2000 – saßen kettenrauchende Oberstufenschüler an viel zu kleinen Tischen im Kant-Café in Berlin Charlottenburg. Die roten Polster im Café waren durchgesessen und die meisten der Redakteure versuchten den ganzen Abend mit einer kleinen Cola auszukommen. Irgendwo verstreut auf dem Tisch lagen auch Themen, Schulgerüchte und ein diffuses Verständnis von dem, was eine Story ist.
In der Krise gaben Redakteure ihr eigenes Geld
Die ganze Existenz der Zeitung stand damals auf dem Spiel, weil sie Pleite war. Die OHnE hatte sich immer über Anzeigen und Spenden finanziert und konnte so unabhängig bleiben. Anders als die Schülerzeitungen in Süddeutschland hatten wir keine Gelder, keine Räume und keine extra abgestellten Lehrer – und darauf waren wir stolz. Die Zeitung erschien alle drei Monate mit einer neuen Ausgabe, wir verkauften sie für einen Euro. Doch das reichte nicht. An das Internet dachten wir damals noch nicht. Niemand von uns hatte eine Homepage. Es war die Zeit, in der viele von uns nicht mal eigene E-Mail-Adresse besaßen. In der Krise, als es um alles ging, gaben einige Redakteure ihr eigenes Geld für den Druck oder liehen es von ihren Eltern. Sobald die Geschäfte besser liefen, sollten sie es zurückkriegen.
Drogen, Sex, Gewalt
Ich rezensierte zuerst unbekannte Independentbands. Der Vorteil: die Musik kannte kaum jemand, also konnte mich auch keiner korrigieren. Das betrieb ich eine ganze Weile. Doch mein Taschengeld reichte nicht für alle Neuerscheinungen. Deshalb sattelte ich von der Musik auf Schulthemen um. Das war billiger und ich merkte schnell: sehr brisant.
Als Reporter berichteten wir über echte Schulaufreger: Drogen, Sex, Gewalt. Wir konnten die ganze Palette bedienen. Einige unserer Berichte muteten sicher etwas dramatisch an, zudem lag die Schule nicht gerade in einem sozialen Brennpunkt. Wir waren brave Gymnasiasten mit Langhaarfrisuren und wöchentlicher Klavierstunde. Aber eines hatten wir schnell begriffen: Wenn Du willst, dass es deine Mitschüler lesen, musst Du ihnen etwas bieten.
Interviews mit klemmenden Brandschutztüren
In unseren besten Zeiten druckten wir anonyme Drogenberichte von Mitschülern, schrieben über das Mobbing in der Pause, veröffentlichten Bildserien mit Wandlöchern und anderen Baumängeln aus den Klassenzimmern. Wir machten Interviews mit klemmenden Brandschutztüren und fragten die Berliner Feuerwehr für eine Begehung an, nachdem unser Rektor nicht reagiert hatte. Immer wenn wir meinten, hier stimmt etwas nicht, machten wir eine Story. Unsere Berichterstattung passte nicht jedem – mit der Schulleitung kam es in dieser Zeit immer wieder zu Auseinandersetzungen. Wir waren hartnäckig, kritisch und fühlten uns unaufhaltsam. Nebenbei führten wir natürlich auch Interviews mit neuen Lehrern, schrieben zu allgemeinen politischen Themen und berichteten über das Auslandsjahr in der elften Klasse. Unser Anspruch war immer: Die Schüler müssen das Heft auch während der Schulstunde gut unter dem Tisch lesen können.
Die anderen waren handzahm
Diese Art von Öffentlichkeit und ihre Regelmäßigkeit war neu an der Schule. Immer wieder hatte es andere Schülerzeitungen an unserem Gymnasium gegeben, die waren jedoch meist handzahm. Uns ging es um unsere Perspektive, um unsere Stimme an der Schule.
Das Beste an der OHnE war immer, dass man alles selbst machen konnte. Die Schüler begingen ihre eigenen Fehler und im besten Fall lernten sie daraus. Wie recherchiert man, was schreibt man und was nicht. Was ist ein gutes Foto, wie layoutet man und wie gewinnt man Anzeigenkunden? Wir lernten das natürlich nie allein, sondern gemeinsam mit und von anderen Redakteuren. An den Tagen, an denen wir gemeinsam an einem Text schrieben. In den Nächten, an denen wir am Layout bastelten. Und als wir nach dem Drucken feiern gingen.
Unsere unverwechselbare Stimme
12 Jahre sind länger als ein ganzes Schülerleben und es ist ein Glück, dass die OHnE immer noch erscheint. Das es genug Geld und Schreiber gibt, war nie sicher und es ist auch heute nicht selbstverständlich. Die OHnE existiert nach all den Jahren noch, weil sich immer wieder Schüler gefunden haben, die für das Projekt brennen. Mit den Jahren hat die OHnE zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, heute ist sie ohne Zweifel eines der wichtigsten Projekte an der Schule. Das war vor zehn Jahren, als ich dazu stieß, kaum zu erwarten. Blättere ich heute durch die Ausgaben der Schülerzeitung, dann höre ich sie noch. Diese unverwechselbare Stimme. Unsere Stimme.
Dieses zugegebenermaßen etwas pathetische Erinnerungsstück habe ich für die Jubiläumsausgabe der OHnE im Dezember 2010 aufgeschrieben. Am 27.12.2010 trifft sich die alte und aktuelle Redaktion zum ersten Mal zu einem Wiedersehen.




Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr