Per Aushang suchen Berliner entlaufene Katzen, verlorene Schlüssel oder tolle Frauen. Blogger Joab Nist veröffentlicht die Gesuche. Er will den Charakter der Stadt einfangen.

 


Herr Nist, Sie fotografieren Aushänge in Berlin und veröffentlichen Sie auf Ihrem Blog – was sagen die Zettel über die Stadt?

Wer diese Aushänge anschaut, versteht ein wenig wie die Leute in Berlin ticken. Die Menschen kommunizieren per Aushang meist unverblümter. Manchmal sind die Gesuche der Menschen banal, manchmal romantisch oder witzig, oft sind sie auch naiv. Wer zum Beispiel glaubt mit einem A4-Zettel in einer Millionenstadt wie Berlin ein Mädchen wiederzufinden, ist zumindest sehr optimistisch.

Wie unterscheidet sich Berlin von anderen Städten – in Bezug auf Zettel?

In Berlin gibt es erst mal ein viel größeres Mitteilungsbedürfnis als in anderen Städten. In Hannover, Frankfurt oder Nürnberg würde der Blog eher nicht funktionieren. Als ich nach Berlin kam, sind mir die Aushänge sofort aufgefallen. Seit zwei Jahren fotografiere ich sie jetzt, dazu kommen noch Notizen an Häuserwänden oder Plakaten. Die Leute ergänzen hier auf einem Poster einfach mit Filzer ihre Meinung, das macht man in München in dem Maße nicht. Ein weiterer Vorteil Berlins: Kritzeleien und Aushänge werden nicht so schnell wieder entfernt. In Paris, London und New York ist das schneller wieder weg.

Per Aushang werden Wohnungen, entlaufene Katzen oder verlorene Schlüssel gesucht. Was ist daran spannend?

Solche Zettel poste ich natürlich nicht. Der typische Berlinzettel ist schwer zu beschreiben, er hat Ironie und Wortwitz. Der Zettel braucht einfach das gewisse Etwas. Auf einer Tafel in Friedrichshain stand: “Vorderhaus! Wenn ihr schon bumst, dann schmeißt Eure benutzten Gummis gefälligst in den Müll und nicht aus dem Fenster. Einsammeln!” Ein Zettel, der mir auch gefallen hat, war ein Wohnungsgesuch eines Illustrators. Er hat einfach seinen Wohnungswunsch gezeichnet und dann noch geschrieben, er würde auch widrigste Bedingungen akzeptieren.

Und das ist typisch Berlin?

Ja, ich finde schon. Um das noch deutlicher herauszustellen, werde ich in Zukunft auch vereinzelt Aushänge aus anderen Städten online stellen. Da heißt es dann in Düsseldorf: “Ingenieur, 5000 Euro Netto-Einkommen verheiratet mit Architektin, 3500 Euro Netto-Einkommen suchen Wohnung ab 2800 Euro.”

Zettelblog Gesuch

© Joab Nist

An welchen Orten finden Sie die Aushänge?

Nicht immer an großen Kreuzungen. Ich gehe oft in Hausflure und schaue hinter Stromkästen. Der Blog ist als ein Gemeinschaftsblog angelegt, wer einen Zettel findet, kann ihn fotografieren und mir mailen. Ich poste ihn dann im  Namen des Einsenders

Es gibt soziale Netzwerke und virtuelle Pinnwände – warum hängen die Menschen überhaupt noch Aushänge auf?

Einen Zettel kann man direkt dort aufhängen, wo ihn bestimmte Leute lesen sollen. Zum Beispiel Leute, die in der Straße wohnen, wo man seinen Ehering verloren hat. Außerdem probieren die Leute auf diesen Zetteln ihre Persönlichkeit herüberzubringen, in dem sie einen eigenen umgangssprachlichen Ton wählen oder ihren Zettel kreativ verzieren. Manchmal klappt das und sie bekommen deshalb eine tolle Wohnung.

Gibt es ähnliche Projekte oder ein Vorbild für Ihren Blog?

Ich versuche mit diesen Zetteln Berlin zu charakterisieren. Ein Projekt, das das auch probiert, kenne ich nicht. Es gibt natürlich das Found-Magazine aus New York. Die Macher sammeln Alles: verlorene Fotografien, Zettel, Gegenstände. Dann machen sie in unregelmäßigen Abständen ein Magazin aus diesen Fundstücken. Mein Traum ist es, auch mal ein Buch mit den Berlin-Aushängen herauszubringen.

Gastronomen, Galerien und Unternehmen hängen in letzter Zeit öfter Aushänge auf. Der Zettel liest sich erst wie ein normales Gesuch, dann merkt man, es ist kommerziell. Was halten Sie vom Guerilla-Marketing?

Es stört mich. Ich hoffe nicht, dass diese Werbeplattform weiter von großen Unternehmen  ausgenutzt wird. Bei Galerien und Kneipen ist es teilweise noch sympathisch. Aber die BVG hat es Mitte September auch gemacht. Auf einem Aushang versuchte ein Junge,  ein Mädchen wiederzufinden, das er in der U-Bahn gesehen hatte. Es stellte sich dann als Werbung für das Flirtportal der Verkehrsbetriebe heraus. Zettel von Autoverleihern habe ich auch schon gefunden. Die Kommunikation per Zettel ist eigentlich sehr authentisch, wenn jetzt zunehmend damit geworben wird, dann werden die Leute die Zettel aus Überdruss nicht mehr lesen.

Wohnung Gesuch Zettelblog

© Joab Nist

Wonach haben Sie mit Ihrem ersten eigenen Aushang gesucht?

Nach einer Wohnung. Ich habe über 100 Kopien gemacht und sie in den Straßen aufgehängt, in denen ich wohnen wollte. Ein anderes Mal wollte ich mithilfe eines Zettels ein Mädchen wiederfinden, das ich in einem Club kennengelernt hatte.

Und hatten Sie Erfolg?

Sie hat sich bei mir gemeldet, die Frau fürs Leben war es nicht. Mit der Wohnung lief es besser, ich habe eine Wohnung bekommen, die praktisch unter der Hand wegging.

Joab Nist ist 27 Jahre alt und studiert Arts and Media Administration an der Freien Universität Berlin. Aushänge nimmt er als Foto oder Scan unter notes@notesofberlin.com entgegen.

Das Interview erschien zuerst in der taz, vom 25.11.2010

Anmerkung: Zurzeit ist ein Streit darüber ausgebrochen, wer die Idee zum Zettelblog zuerst hatte. Der Blogonade-Blog schlüsselt das im einzelnen auf.