Kaum eine Branche beschäftigt mehr Praktikanten. Sie schreiben für die Zeitung, füllen Websites, produzieren Radiobeiträge. Alles meist lernwillig und unbezahlt. In der Interviewreihe berichten sie von ihren Erfahrungen. Welches Praktikum hat sich gelohnt, welches nicht. Wie landet man einen Praktikanten-Scoop und was bleibt vom Medienrauschen?

Beim Cicero-Magazin wollte Gina Online-Journalismus lernen. Stattdessen rückte sie Möbel hin und her. Wenn sie etwas beim Cicero gelernt hat, dann, dass man sich als Frau durchbeißen muss.

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Das Interview im Text nach dem Klick.

Gina, wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei so einem Autorenmagazin um ein Praktikum zu bewerben?

Ich habe mich nicht direkt beim Magazin beworben, sondern in der Online-Redaktion des Cicero. Ich fand es einfach spannend Online-Journalismus kennen zu lernen. Vorher war ich bei Tageszeitungen, Magazinen, auch beim Fernsehen habe ich mal ein Praktikum gemacht und dachte Online-Journalismus ist eine gute Ergänzung.

War es schwer an das Praktikum zu kommen?

Eigentlich nicht. Ich habe mich auf eine E-Mail beworben, die ich über einen Verteiler bekommen habe. Und dann wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Das war ziemlich schlimm. Man hat mich in einem Café getroffen und nicht in der Redaktion, wahrscheinlich sollte das eine lockere Atmosphäre generieren. Dann wurde ein richtig krasser Wissenstest mit mir gemacht. Die erste Frage war, wo ich mich besser auskenne, in der Innen- oder Außenpolitik? Da habe ich Innenpolitik gesagt. Das war schon ein schwerer Fehler. In der Zeit davor habe ich zugegebenermaßen wenig Zeitung gelesen, ich habe nur die wichtigsten Tagesnachrichten mitbekommen. Ich musste dann detailliert über die NRW-Wahl diskutieren und das war für mich sehr schwierig.

Wie läuft denn ein normaler Praktikumstag beim Cicero ab?

Es war so, dass die Online-Praktikanten auch für die Internetseite zuständig waren. Das heißt immer abwechselnd musste dann einer von uns die Internetseite bauen – und zwar von zuhause aus. Normalerweise bin ich dann gegen sieben aufgestanden und habe die Seite gebaut. Im Anschluss daran bin ich in die Redaktion gefahren. Wir haben meistens an unseren Geschichten recherchiert. Eine weitere Aufgabe waren die “Querschüsse”, das sind Leserempfehlungen der ganzen Redaktion. Jedenfalls offizell. Inoffiziell haben das aber zum größtenteil die Praktikanten und der Online-Chef gemacht. Ansonsten saßen wir im Konferenzraum der Redaktion, hatten also keine eigenen Arbeitsplätze und mussten an unseren eigenen Laptops arbeiten. Dafür hatten wir eine sehr schöne Aussicht über den Tiergarten, den Reichstag und über das Denkmal der ermordeten Juden.

Was habt ihr gemacht, wenn ihr nicht recherchiert habt?

Dann haben wir mit der sehr  netten Sekretärin Möbel verrutscht. Zu der Zeit war gerade der neue Chefredakteur Michael Naumann beim Cicero und der wollte auch etwas an der Inneneinrichtung verändern. Und da haben wir ihm irgendwelche Spiegel hin und her getragen und Obstschalen von A nach B verrutscht.

Welche Geschichten konntest Du beim Cicero letztlich machen, gibt es eine auf die Du stolz bist im Nachhinein?

Meine coolste Geschichte war bei der Leipziger Buchmesser. Ich habe mir erkämpft dorthin fahren zu dürfen und habe da einen bosnischen Autor interviewt.

Wie hast Du  denn die Redaktion des Cicero erlebt, was sind das für Leute, die dort arbeiten?

Generell sind die alle ganz nett. Auffällig war, dass dort kaum Frauen gearbeitet haben. Die einzige Frau war die Politikkorrespondentin – das war schon ein starker Männerladen. Die Sekretärin war auch noch eine Frau. Für eine Redaktion war es sehr, sehr ruhig in den Fluren und Büros. Meistens waren nur fünf Redakteure anwesend. Es ist eben ein Autorenmagazin, dass heißt sie kaufen sich ihre Beiträge von außen ein und deshalb gab es dort wenig Hektik. Dem Chefredakteur Herr Naumann war es aber immer noch zu laut. Er hatte eine Rundmail verschickt, in der er dazu aufrief ruhiger zu sein. Für uns war das vollkommen unverständlich, denn es herrschte ja schon Totenstille. Dann wurden die Türen noch zu gemacht und dann war es ganz ruhig.

Hattest Du denn engeren Kontakt zu einzelnen Redakteuren, konntest Du dir die Tricks der parlamentarischen Berichterstatter ein wenig abschauen?

Weniger. Das fand ich auch sehr schade. Als Praktikanten saßen wir in diesem einen Raum und waren etwas isoliert. An den wöchentlich stattfindenden Redaktionssitzungen durften wir auch nicht teilnehmen.

Was hat Dich noch am Praktikum gestört?

Mir ist es dort das aller erste Mal passiert, dass ich mich als Frau diskriminiert gefühlt habe. Das muss ich tatsächlich so sagen. Es gibt zwei Geschichten dazu: Während einer Redaktionsitzung der Online-Redaktion hieß es, Gina, Du schreibst jetzt Protokoll. Das habe ich auch gemacht. Danach habe ich erfahren, dass es vorher und hinterher noch nie ein Protokoll gegeben hat. Und ich war die einzige Frau im Raum und es war klar, dass ich die Sekretärin spiele und das Protokoll schreibe. Das wurde ich auch nicht gefragt, sondern ich hatte es zu schreiben.

Die andere Geschichte ereignete sich am zweiten Tag meines Praktikums. Die Redaktion hatte gerade eine interne Besprechung und es war schon halb sieben. Ich bin dann mit den anderem Praktikanten nach Hause gegangen, weil wir in der Regel gegen 18 Uhr Schluss hatten. Ich hatte mich aber nicht abgemeldet. Am nächsten Tag wurde mir aber genau das vorgeworfen. Es könne nicht sein, wie ich mich verhalte. Da war ich dann schon sehr irritiert und habe dann die anderen beiden männlichen Praktikanten gefragt, ob sie sich immer abgemeldet hätten. Sie sagten, sie hätten das auch nur selten gemacht und da gab es nie eine Beschwerde.

Als ich zur Leipziger Buchmesse wollte, da hatte der andere Praktikant auch eine Geschichte vor Ort und da hieß es sofort, er darf da hinfahren. Während ich um meine Geschichte kämpfen musste, die wurde anfangs abgelehnt, nur weil ich für 10 Euro mit der Mitfahrgelegenheit gefahren bin, durfte ich die Geschichte noch machen. Während andere ihre Themen durchbekommen haben, hatte ich als Frau vielmehr Probleme.

Was hast Du aus dem Praktikum mitgenommen?

Dass man sich als Frau durchbeißen muss. Das habe ich wirklich gelernt, ich habe lange überlegt, ob ich das Praktikum abbreche. Journalistisch habe ich da nicht so viel Neues mitgenommen. Was ich mir erhofft hatte, dass man mit spannenden Journalisten zu tun hat, die einem hier und da weiterhelfen können, das hat sich leider überhaupt nicht bewahrheitet.

Gina Apitz  studiert Journalistik an der Universität Leipzig. Sie arbeitet für Tageszeitungen und Fernsehsender unter anderem für die Mitteldeutsche Zeitung, Berliner Zeitung, Zitty, Tagesspiegel und Pro Sieben.