Kein Vorhang, keine Werbung, kein Popcorn – dafür ein echtes Abenteuer. Das Hit & Run Kino zeigt unbekannte Filme an verlassenen Orten.

Vereinzelt stehen Gestalten im fahlen Licht. Ein junger Mann mit Kapuzenpullover, Jutebeutel und sehr engen Jeans fragt eine Gruppe: “Seid ihr auch wegen dem Film hier?” Sie nicken, wo es lang geht, wissen sie aber nicht. Weit und breit gibt es kein Lichtspielhaus. Sie warten auf das Hit & Run Kino.

Das ist eine Veranstaltung die regelmäßig in Berlin stattfindet. Die Organisatoren mailen einen Treffpunkt und eine Uhrzeit herum. Von dort führen sie die Gruppe an einen verlassenen Ort und zeigen einen unbekannten Film. Von der Veranstaltung erfährt man über Mail-Verteiler oder einschlägige Blogs. Das Hit & Run Kino ist für Cineasten das, was für Techno-Fans ein illegaler Rave ist.

Eigentlich wollte ich eine Reportage über diese Art Kino für die Zeitung schreiben. Es sollte um temporär besetzte Räume und Kultur jenseits von Kulturinstitutionen gehen. Doch die Veranstalter wollten nur ungern über das Hit & Run Kino sprechen. Es sei Untergrund und solle das auch bleiben, sagten sie. Das ist natürlich verständlich: Wenn das Hit & Run Kino zu bekannt wird, kann es nicht mehr stattfinden. Wahrscheinlich ist das Ganze auch nicht legal.

Also heftete ich den Themenvorschlag in meinem Ordner “Reportagen, die ich nie geschrieben habe” ab, schnappte mir meine Kompaktkamera und ging als Blogger ins Hit & Run Kino.

Der Treffpunkt ist der S-Bahnhof Storkower Straße. Einzelne Gruppen stehen auf dem Bahnsteig und schauen sich immer wieder um. Warten. Gegen 21 Uhr fährt eine S-Bahn ein und es steigen verdächtig viele Menschen aus. Sie sind jung, gekleidet wie Studenten im Prenzlauerberg oder Friedrichshain. Viele sprechen Englisch. Kein Fahrgastpublikum, das sonst am S-Bahnhof Storkower Straße Halt machen würde.

Am Ausgang warten sie wieder. Es sind ungefähr 200 Leute. Nach 20 Minuten tauchen zwei Männer auf, um sie bildet sich schnell ein Kreis. Sie rufen: “Immer die Storkower Straße runter. Es gibt für jeden einen Sitzplatz, ihr braucht nicht rennen”. Der Tross setzt sich in Bewegung. Einige der Kinogänger schauen sich staunend die Hochhäuser links und rechts von der Straße an. Betonhell ragen sie wie Zähne in den dunklen Himmel. Es ist das erste Mal, dass sie in Lichtenberg sind.

Nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch halten die beiden Männer an und kassieren mitten auf der Straße ab. Fünf Euro kostet der Eintritt ins Hit & Run Kino, Getränke und eine warme Suppe sind inklusive versprechen sie. Dann sagen sie: “Jetzt lauft ihr die Straße weiter runter, nach einer Weile haltet ihr euch dann rechts.” Die Gruppe  läuft weiter. Einige machen Scherze: “Was, wenn es jetzt gar kein Kino gibt, dann haben die uns abgezockt.” Andere fragen sich, ob sie über Zäune oder Mauern klettern müssen und wie sie in das Gebäude kommen, das bisher niemand kennt außer den Veranstaltern.

Nach weiteren zehn Minuten hält die Gruppe wieder. Sie ist jetzt nicht mehr in einem Wohn-, sondern in einem Industriegebiet. Es ist dunkel, andere Passanten sind nicht mehr auf der Straße. Diesmal geht es rechts vorbei an einer Feuerwehrwache durch das Gebüsch. Die Kinogänger schlagen sich jetzt durchs Dickicht. Der Weg ist uneben, stillgelegte Gleise sollen ins Kino führen. Auf der linken Seite ist eine vier Meter hohe Mauer, über ihr ist Stacheldraht gespannt. Auf dem Gemäuer ist Graffitti, anscheinend ein Sprayer-Treff. Am Wegrand liegen leere Flaschen, aussortierte Möbel und Matratzen. Es sieht aus wie ein Lager. So, als ob sich Menschen an diesem abgeschiedenem Ort öfter treffen würden oder es vor langer Zeit getan haben.

Die Gruppe erreicht nun eine alte Halle. Nachdem zwei Höfe durchquert sind, muss eine Plane beiseite geschoben werden. Die Besucher betreten die Halle, bleiben staunend stehen und schauen sich um. Die Decken sind hoch, das Gebäude ist heruntergekommen. Ein Beamer im hinteren Teil des Raumes wirft bereits ein Bild an die Wand. Das DVD-Menü des Films läuft. Mitten im Raum stehen schwarze, umgedrehte Mülleimer: Das ist das Hit & Run Kino. Einzelne Besucher schauen sich verschwörerisch an, dann lächeln sie. Ein guter Ort. Alles ist in das bläuliche Licht des Beamers getaucht. Die Veranstalter haben Bierkisten bereitgestellt, auf einem Tisch gibt es Säfte und Suppe. Sie wird aus Plastikbechern gelöffelt.

Der Film beginnt, gezeigt wird “Bronson” – ein Film über den gefährlichsten Häftling Großbritanniens. Bronson ist brutal, laut, wahnhaft und immer hinter Gittern. Der Ort verleiht dem Film zusätzlich Wirkung. Es fühlt sich an als sei man selbst im Knast. Mitten im Film taucht auch die Polizei auf. Ein Beamter schaut sich skeptisch die Cineasten an, dann zuckt er mit den Schultern. Die Polizei lässt weiter laufen.

Nach der Vorstellung laufen die Kinobesucher zurück, plaudern über den Film. Ein Großteil der Besucher  nimmt nun den Bus. Der Busfahrer ist irritiert und etwas verschreckt, wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass nachts so viele Gäste zusteigen. Am S-Bahnhof Storkowerstraße warnt er deshalb: “Der Bus endet hier! Bitte alle aussteigen. Wir amüsieren uns das nächste Mal”. Einige Leute lachen, amüsiert haben sie sich schon.

Die Fotos habe ich mit dem Nightshot meiner Kamera gemacht und sie nachträglich aufgehellt. Sonst wäre nichts zu sehen gewesen.