Wieso sich die erste Person Singular im Journalismus lohnt: „Submersion Journalism – Reporting In The Radical First Person”

Die Ich-Perspektive ist im deutschen Journalismus immer noch verpönt. Ich schreibt man nicht, auch nicht in Reportagen. Ich ist  nicht objektiv und klingt zudem unprofessionell. Grund genug ein Buch vorzustellen, das sich den subjektiven Ansatz gleich zur Bedingung macht: „Reporting in the radical first person“!

Die Stories aus „Submersion Journalism“ sind allesamt in Harper’s Magazine erschienen, das sich auf diese Art der Reportage spezialisiert hat. Das Magazin druckt außergewöhnliche, oft schräge Geschichten ab.  Nie kann man sich sicher sein, was einem das Magazin vorsetzt. Gut zu lesen sind die Stücke in jedem Fall.

Beispielsweise die Undercover-Reportage „Their Men in Washington“ von Ken Silverstein. Er hat sich mit führenden Lobbyisten-Firmen in Washington D.C. getroffen und die Gespräche mitgeschnitten. Silverstein tarnte sich als Investorenchef, der das Image des autoritären Turkmenistans aufpolieren möchte. Er ist an Ölgeschäften mit den USA interessiert und bittet die Lobbyisten das Menschenrechtsthema klein zu halten. Silverstein gibt die Namen, den Wortlaut und die ungeheuerlichen Angebote der Lobbyisten haargenau wieder. Die meisten Firmen sagen ihre Unterstützung zu, werben mit vergangenen PR-Aktionen für andere autoritäre Regime und stellen sogar ein Kaffeetrinken mit dem US-Außenminister in Aussicht.

Auf Brautjagd

Eine andere Reportage, in welcher der Autor sich in die Niederungen internationaler Beziehungen begibt, ist „A Foreign Affair“ von Kristoffer A. Garin. Er geht mit einer Männergruppe in der Ukraine auf Brautjagd. Eine Reihe von Agenturen vermitteln junge, heiratswillige Frauen aus der Dritten Welt an amerikanische Männer. Die Männer suchen devote, abhängige Frauen. Ihnen schwebt eine Mischung aus der 1950er-Jahre-Hausfrau vor, gepaart mit der Hypersexualität des 21. Jahrhunderts. Die Agentur arrangiert Treffen in Clubs, unzählige junge Frauen werben dort um die Männer – und diese zeigen Fotos von ihren Autos, Häusern und der nächstgelegenen Shopping-Mall. Garin hat sich für seinen Text auf eine skurrile Reise durch die Ukraine begeben – und berichtet seinen Lesern von einem befremdlichen Tauschhandel.

Wie ich einmal Propaganda im Irak machte

Eine unglaubliche Geschichte ist auch die von Willem Marx. Der Oxford-Student hatte sich bei der amerikanischen Firma Iraqex (später Lincoln Group) um ein Praktikum beworben. Willem Marx träumte davon Außenkorrespondent zu werden, wollte dort wichtige Auslandserfahrungen mit echten Irak-Reportern sammeln. Im Irak angekommen, bekommt er letztlich die Aufgabe gefälschte Meldungen und Propaganda-Nachrichten in den lokalen Medien zu platzieren. Marx wird so für einen Sommer zum Gegenteil eines Journalisten. Er bekommt ein Angebot der Lincoln Group weitere zehn Monate für die Firma zu arbeiten – doch er lehnt ab, um zu tun, was er eigentlich vor hatte: Journalismus.

Ehrlicher, souveräner, realistischer

Oft ist das Erzählen aus der Ich-Perspektive ehrlicher, souveräner und realistischer als einem scheinobjektiven Ideal zu folgen. Ein Journalist kann aus seiner Perspektive schreiben, wie ihm bei der Undercover-Recherche begegnet wurde. Er kann offenlegen, weshalb ihm bestimmte Verhaltensweisen fremd sind oder weshalb er zu bestimmten Personen aus der Reportage besonderen Zugang gefunden hat. Der Vorteil: Der Leser kann sich ein Bild vom Reporter machen, die Reportage besser einordnen. Vielleicht führt es dazu, dass Texte streitbarer werden. Darin kann ich jedoch nichts Falsches entdecken.

Sitzredakteur, Spezialgebiet: Schreibtischreportage

Die Ich-Perspektive ist journalistisch auch deshalb so interessant, weil der Journalist wirklich an Ereignissen teilgenommen hat und Innenansichten bieten kann. Das ist aufwendig, kosten- und zeitintensiv, vielleicht liest man deshalb wenig Ich in der Presse. An schlechten Tagen habe ich den Eindruck es gibt in der Medienbranche nur noch Sitzredakteure, Spezialgebiet: Schreibtischreportage. “Submersion Journalism” ist da eine wunderbare Ausnahme.

“Submersion Journalism – Reporting From A Radical View” hat 368 Seiten und ist bei New PR erschienen und kostet 19,99 Euro.