Das Glühbirnenverbot sorgt am Bodensee für finstere Laune: der Untergrundproduzent und Schmuggler Reto Jakob wehrt sich vehement gegen die gesetzliche Änderung und kämpft von der Schattenwelt aus für mehr warmes Licht. Eine Zukunftsreportage aus dem Jahr 2013.


Text: Tin Fischer und Laurence Thio  Foto: Jebrando (CC-Lizenz)

Seit dem Glühbirnenverbot herrscht am Bodensee Kleinkrieg. Auf der einen Seite ein ökobewusster schwäbischer Ministerpräsident, der die Dampfwalze zu seinem Dienstwagen und zum Symbol nachhaltiger Umweltpolitik gemacht hat. Auf der anderen ein Thurgauer Untergrundproduzent, der beim Schmuggeln schon mal 10 000 Glühbirnen in den See gekippt und damit eine ganze Generation verzückt hat. Wir schreiben das Jahr 2013. Das Post-100-Watt-Zeitalter hat begonnen. Der Romanshorner Hafen gleicht einem Spülbecken. Wie nicht abgewaschenes Geschirr liegen abgewrackte Ausflugsschiffe in der trüben Brühe. Abends hängt die Dorfjugend auf ihnen ab. Immer mit dabei: Reto Jakob, ein Zwerg Mitte 20 und Glühbirnenbaron der Region. Den Kopf, der ihm an Grösse fehlt, kompensiert er durch seinen Cowboyhut.

Autohändler aus politischer Überzeugung

Lange hatte man an dieser Endstation der Schweiz auf Touristen gehofft. Gekommen sind stattdessen Designfetischisten, die nur eines wollen: die Ware von Reto Jakob, von dem keiner je recht wusste, ob seine Cowboy-Garderobe schwul-schick oder provinziell-prollig ist. Reto Jakob war eigentlich Vermieter von Discomobiliar und Händler gebrauchter Autos beziehungsweise ‹Altautohändler aus politischer Überzeugung›, wie er präzisiert, als wäre ‹aus politischer Überzeugung› sein Meistertitel. Den süssen Gestank einer Dreckschleuder, den wollte er sich einfach nicht verbieten lassen. Er sei auf einem Bauernhof gross geworden. Er wisse die Umwelt zu schätzen. Aber ein qualmender Dieseltraktor, das habe er immer viel lieber gerochen als frisches Heu. In gewisser Weise ist er ein Romantiker. Als die Glühbirne in der EU verboten wurde, in der Schweiz aber noch legal war, hat Jakob sein Sortiment politischer Unkorrektheiten erweitert. Er ergänzte das Schild seines Autoladens um den Vermerk ‹Verkaufe auch «Zündkerzen»› – gemeint waren Glühbirnen. Ein Volltreffer.

Schiessbefehl auf Glühbirnen

Es war plötzlich schick, in Jakobs Bürocontainer bei Filterkaffee über Bern, Berlin und Brüssel zu lästern sowie über ‹Zündkerzen› zu fachsimpeln. Nicht dass die Birnen des Reto Jakob etwas Besonderes gewesen wären. ‹So ganz normale Lampen waren das›, sagt er uns. Aber genau das machte ihren Reiz aus. Die Zürcher Szene hätte ihre Birnen auch in China bestellen können. Aber der Cowboy aus dem Thurgau wirkte so authentisch wie die Birnen, von denen sie sich nicht trennen wollten. Die Geschäfte liefen so gut, dass sich Jakob die alten Maschinen einer Glühbirnenfabrik kaufte und im Untergrund die Produktion aufnahm. Die Behörden liessen ihn machen. Im Kanton und in der Gemeinde war man auf Bern und Brüssel nicht gut zu sprechen. Nur am Zoll gab es Ärger, seit sich in Baden-Württemberg ein ökobewusster Ministerpräsident mit der Jagd auf Glühbirnen zu profilieren versuchte. Geschadet hat es Reto Jakob nicht, im Gegenteil. Seit das Gerücht die Runde macht, dass es am deutschen Zoll einen Schiessbefehl auf seine Glühbirnen gebe, zahlt man in München und Stuttgart sowieso nicht mehr für die Birne, sondern vor allem für die Schmugglergeschichten, die sich um sie ranken. Zum Beispiel die Geschichte vom Riesenrad, das mit 10 000 Birnen bestückt zum Oktoberfest gefahren wurde und leer in die Schweiz zurückkam. Der bayrische Ministerpräsident tobte. Oder die Geschichte von jenem Mann, der Glühbirnen schlucken und wieder hochwürgen kann. Seither wird am Zoll geröntgt.

Im Berghain für Licht

Wir fahren mit Reto Jakob nach Berlin im Regional Express. Jakob ist auf ‹Geschäftsreise›, wie er sagt, als müsste es seriös klingen. Er hat einige ‹Produktbeispiele› mitgenommen, mit denen er die Berliner ‹versorgen› will. ‹Die wissen da doch gar nicht mehr wie Licht aussieht!› sagt er. Zeigen will er uns die Birnen nicht. Noch nicht. ‹Neue Kreation, die wird der Knüller, ihr werdet schon sehen!› Seit Monaten ist er mit Robert Larsson – ‹dem› Robert Larsson – in Kontakt, dem Betreiber des ‹Allerseelen›, dem Glühlicht-Club in Berlin schlechthin. Das Berghain für Licht. Larsson braucht Nachschub. Er will sich mit Jakob treffen. Die Fahrtzeit will sich Reto Jakob mit seinem Lieblingsspiel vertreiben: Dingeraten! Wir sollen Dinge erraten, die Bern und Brüssel noch verbieten könnten, an die er aber noch nicht gedacht hat. Man kann dieses Spiel gegen Reto Jakob eigentlich nur verlieren. ‹Den Kamin vielleicht?› versuchen wir es trotzdem, unterwegs durch den Schwarzwald. Fehlanzeige: ‹Steht längst zur Debatte!› – ‹Das Lagerfeuer?› fragen wir lustlos aus dem Fenster starrend. ‹Ach kommt schon›, sagt er, ‹irgendwas Neues werdet ihr wohl noch herausfinden!› – ‹Keine Ahnung›, sagt einer von uns genervt, ‹der offene Wasserschlauch?› Volltreffer. Jakob strahlt und schweigt für den Rest der Fahrt. Ob er auch in die Produktion offener Wasserschläuche einsteigen würde, fragen wir ihn nach acht Stunden, kurz vor Berlin. Blöde Frage. Natürlich wird er.

Es geht nicht nur um Licht, es geht um Wärme

Robert Larsson kam aus Liebeskummer nach Berlin. Der Schwede hoffte, dass ‹die Stadt mir hilft, darüber hinwegzukommen›. Aber Berlin war Berlin: rau, anonym und kalt. Deshalb eröffnete Larsson das ‹Allerseelen› im Szenebezirk Friedrichshain. ‹Die Leute sehnen sich nach Wärme, Zuneigung, Trost›, sagt er. Die Wände sind in warmen Tönen gestrichen, das Mobiliar ist antiquarisch und Larsson benutzt ausschliesslich alte 100-Watt-Glühbirnen. Die Birnen prangen an einer langen Kette, die quer durch den Raum gespannt ist. ‹Egal, wenn die ineffizient sind. Es geht nicht einfach um Licht, es geht gerade um die Wärme!› Im ‹Allerseelen› wird gemeinsam gegessen, danach das Mobiliar zur Seite getragen, das Licht gelöscht und zu sehnsuchtsvoller New Wave Musik getanzt.

Larsson verkauft unter der Theke ‹Allerseelen to go›. 80 Prozent seiner Einnahmen stammen aus dem Birnen-Schwarzhandel. Doch der Nachschub fehlt. Larssson hofft auf den kleinen SchweizerCowboy. Auch wenn klar ist: den hätte der Türsteher nicht rein gelassen. Die Gäste des Lokals sind junge Bürgerliche, Konsumkonservative, beseelt von einem Nostalgiegefühl gegenüber einer Zeit, in der ihre Eltern Kinder waren. Sie kaufen bei ‹manufactum› handgefertigte Produkte. Abends treffen sie sich zu Debatten über Literatur, Politik und Kunst in Wohnzimmern im Prenzlauer Berg. Oder sie gehen ins ‹Allerseelen›.

Kotziges Licht

Das Verkaufsgespräch findet in einem Hinterzimmer statt, im ‹Darkroom›, wo die Birnen getestet werden, die hier gehandelt werden. Jakob ist aufgeregt, auch Larsson kann seine Unruhe kaum verbergen. Jakob verspricht: ‹Ich habe etwas Besonderes dabei! Das Beste was ich je kreiert habe!› Auf den massiven Schreibtisch ist eine Fassung montiert. Jakob greift in die Tasche, holt eine Birne hervor, er dreht sie hinein. Der Raum wird hell. Pink und hell. Larsson sitzt an seinem Schreibtisch und starrt auf die Lampe. ‹Oh!› sagt er nur. In der Fassung prangt eine Birne in Herzform und leuchtet pinkfarbenes Licht. Larsson räuspert sich: ‹Was hast du noch dabei?› Jakob lacht und sagt: ‹Es kommt noch viel besser. Pass auf!› Er schraubt die nächste Birne hinein: Sie hat die Form einer Discokugel. Er habe die Birne auch in ‹Lila, Grün, Rosé und in Gelb vorrätig›. Mit der passenden Fassung könne man auch den Dreheffekt nachvollziehen, erklärt Jakob weiter. ‹Aha›, sagt Larsson. Jakob spürt, dass etwas schief läuft, er führt schnell die nächste Birne (‹Glaskunst in Vollendung›) vor. Kaum hat Jakob den Schalter betätigt, leuchtet der ganze Raum in einem kotzartigen Neon-Batik-Muster. Larssons Gesicht ist blau-gelb und es ist nicht ganz klar, ob vor Wut oder von der Batikbirne. ‹Batik?!› sagt er. ‹Soll das ein Witz sein? Wir sind keine Dorfdiscothek! Was ist das? Rummel-Licht?› Jakob ist völlig ausser Fassung – so rede man nicht mit ihm – Larsson winkt ab: ‹Du bist kitschig,verschwinde!›

„Zivilbullen kontrollieren hier dauernd“

Den ganzen Abend über ist Jakob aufgebracht und sehr verstört. Das sei ihm noch nie passiert, wiederholt er immer wieder. Er will nicht mal mehr Dingeraten spielen. Am nächsten Morgen hat er sich gefangen. Ein weiterer Termin steht an, diesmal in einem verstaubten Lampenfachladen im spiessigen Berlin-Steglitz. Jakob betritt das Geschäft und fragt lässig: ‹50, 60, 100 Watt?› Die Dame errötet und gibt sich entrüstet: ‹Wir sind ein ordentliches Geschäft!› Jakob stellt sich vor und sagt die vereinbarte Losung. Die Frau äugt uns misstrauisch an, sagt: ‹Warum nicht gleich so? Zivilbullen kontrollieren hier dauernd, wir stehen praktisch unter Generalverdacht!› Erst jetzt fällt es uns auf: Wer trägt sonst noch Cowboy-Anzüge, wenn nicht Zivilpolizisten? Sie führt uns ins Hinterzimmer, greift in einige Kartons und lässt uns ihre Ware prüfen. Es ist wie in einer Filmszene, nur dass die Dealerin ergraute Dauerwelle trägt und nicht mit Kokain, sondern mit Glühbirnen handelt. Jakob ist zufrieden, nun ist er an der Reihe: ‹Mir gefällt Ihre Produktpalette›, sagt er mit breitem Schweizer Akzent, ‹ich glaube, ich habe etwas für Sie›. Er holt eine seiner Herzbirnen aus der Jackentasche und schiebt sie über die Theke: ‹Haben Sie Interesse?› Die alte Dame wirkt jetzt grossmütterlich, sie nimmt die Birne anerkennend in die Hand und sagt wie zu einem Schulkind, das etwas Selbstgebasteltes präsentiert: ‹Das ist ja eine schöne!› Die beiden werden sich schnell einig, mit der Neon-Batik-Birne kann sie zwar auch nichts anfangen, aber die ‹Discokugeln› könnten sich auf Gartenpartys gut machen. Die Geschäftsreise nach Berlin ist doch noch ein Erfolg geworden.

Illegale Leuchtmittel

Wir stehen bereits am Ostbahnhof und wollen uns von Jakob verabschieden. Aber der will unbedingt noch von einem der Vietnamesen in der Unterführung ‹eine von diesen Billigbirnen› kaufen – ‹zum Herumzeigen zu Hause›. Für ihn hat das etwas Verruchtes, fast so als würde man in den Puff gehen. Mit der Ankunft jeder S-Bahn bildet sich eine kleine Menschentraube um die Händler, wie Motten, die das Licht umkreisen. Drei Mal geht Jakob unverrichteter Dinge am Vietnamesen vorbei. Dann nimmt er all seinen Mut zusammen und tritt auf ihn zu. Es ist eine rührende Szene, wie der kleine Thurgauer Birnenbaron dem kleinen Vietnamesischen Birnendealer gegenübersteht und ihm schnell das Geld in die Hand drückt, als würde ein Kind ein bissiges Kaninchen füttern. Da ertönt ein Pfiff! Aus dem Nichts kommen vier Männer, der Händler rennt, Jakob geht in Boxerstellung. Eine unnötige Provokation. Er wird zu Boden geworfen, Handschellen klicken – Polizeizugriff! Jakob ruft noch, er sei Schweizer, die Polizisten lachen, sagen ‹umso besser!›. Er wird abgeführt und an diesem Abend aktenkundig wegen ‹Erwerbs illegaler Leuchtmittel›. Jakob, der Schweizer Glühbirnen-Pate, muss 1000 Euro Bussgeld zahlen, wie ein Falschparker.

 

Das Glühbirnenverbot sorgt am Bodensee für finstere Laune: der Untergrundproduzent und Schmuggler Reto Jakob wehrt sich vehement gegen die gesetzliche Änderung und kämpft von der Schattenwelt aus für mehr warmes Licht. Eine Zukunftsreportage aus dem Jahr 2013.

Diese Reportage erschien zuerst im kinki-Magazin #19 2009.