Die Stasi im Nacken: Harald Hauswald fotografierte die DDR. Marc Thümmler machte einen Film daraus – ganz ohne Kamera.
Hauswald fotografierte die DDR wie er sie sah. Foto: Harald Hauswald
Das Interview führte Laurence Thio
Der eine war sieben Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Der andere sieben, als sie fiel. Harald Hauswald, 55, fotografierte über Jahrzehnte die DDR so, wie er sie sah und wurde auf diese Weise für die Staatssicherheit zum Feind und Beobachtungsobjekt. Marc Thümmler, 26, hat darüber einen Film gedreht – allerdings ohne Kamera. Der Student hat für „Radfahrer“ das experimentelle Format des Fotofilms gewählt: Er zeigt lediglich die Fotografien Hauswalds und stellt sie den vorgelesenen Stasi-Akten gegenüber. Daraus ergibt sich die spannende Aufnahme eines paranoiden Überwachungsapparats – und eines Mannes, der weiter fotografierte. Der Film ist gleichzeitig Thümmlers Abschlussarbeit für den Studiengang Europäische Medienwissenschaften an der Uni Potsdam. „Radfahrer“ wurde in Wettbewerben mehrfach ausgezeichnet.
Harald, was gefällt dir am Film „Radfahrer“?
Hauswald: Das Sachliche! Der Film geht nicht zu sehr auf meine Biographie ein, sondern konzentriert sich auf die Frage: Was hat die Stasi eigentlich dort mit mir getrieben?
Marc, wie bist Du auf die Idee zu „Radfahrer“ gekommen und weshalb das Format „Fotofilm“?
Thümmler: Der Filmtheoretiker Edward Small sagt: „The theory of film should be a film“. Für mich war klar, dass ich eine praktische Arbeit machen will. Thematisch gibt es nicht unbedingt ein auslösendes Moment. Ich komme aus Ostberlin und war sieben Jahre alt als die Mauer fiel. Die Thematik taucht immer wieder auf in meiner Familie und in meinem Freundeskreis. Im Rahmen meiner Recherche bin ich auf Harald Hauswald gestoßen. Seine Fotografien haben mich von Anfang an fasziniert. Ich wusste auch, dass die Stasi ihn überwacht hat. Ich habe mir dann gedacht, wenn ich einen Film über Hauswald mache, wäre es durchaus konsequent den Film mit seinen Fotos zu erzählen.
Im Film prallen die Fotos von Hauswald auf die vorgelesenen Stasi-Einträge.
Thümmler: Ich habe vor allem Einträge ausgewählt, die sich mit Hauswald dem Fotografen beschäftigen und in Berlin stattfinden. Eine halbe Stunde werden keine bewegten Bilder gezeigt. Ich dachte, die Leute müssten schon sehr stark mit ihren Sehgewohnheiten kämpfen. Der Zuschauer braucht teilweise Geduld, aber er kann dadurch genauer hinschauen. Die Bilder sind nicht nur Illustration. Das Format ist gut angekommen, dass hat mich überrascht und auch sehr gefreut. Mein Fazit: Bewegende Bilder müssen nicht zwangsläufig bewegt sein.
Was war das für ein Gefühl in der 2000 Seitenstarken Stasi-Akte die Interpretationen deiner Fotografien nachzulesen?
Hauswald: „So ein Schwachsinn“, dachte ich beim lesen. Die sind immer von dem Standpunkt ausgegangen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Aber ich war nie wirklich dagegen, ich bin nie wühlen gegangen, habe keine Attentate geplant. Sie haben einfach keine Meinungsfreiheit zugelassen, wenn man nur dafür oder nur dagegen sein kann, bleibt nichts übrig. Natürlich waren meine Fotos auch ein Stück weit politisch.
In „Radfahrer“ wird sehr deutlich wie intensiv Du durch die Stasi beschattest wurdest. Das geht soweit, dass sie genau angeben können, wie viele Gläser Marmelade und Konserven Du einkaufst.
Hauswald: Ich habe die Beschattung immer bemerkt. Es gab zehn Tage in den das besonders intensiv war. Ich war damals alleinerziehender Vater mit Kind und bin in die Kirche zu Rainer Eppelmann und habe ihm eine Vollmacht geschrieben. Damit die Kirche sich um meine Tochter kümmert, falls mir etwas passiert.
Thümmler: Ich wollte im Film zeigen, welche unsinnigen Informationen die Stasi über Harald gesammelt hat. Banale Abläufe und Alltag werden per sé interessant, weil jemand zuguckt. Dahinter steckt dieser Generalverdacht des Staats gegenüber den eigenen Bürgern. Diese Paranoia, dass alles einmal wichtig sein könnte. Schaut man in die Akten, kann man lesen was Harald einkauft – für mich birgt das auf gewisse Weise auch Komik.
Die Stasi-Perspektive wirkt im Film oft aberwitzig.
Thümmler: Auf der einen Seite nimmt man automatisch die Perspektive des Stasi-Agenten ein, der Verdachtsmoment überträgt sich teilweise. Ich wollte den Zuschauern die Perspektive klarmachen: Harald blickt als Fotograf auf die DDR, die Stasi beobachtet Hauswald und seine Bilder und der Zuschauer betrachtet Stasi und Hauswald. Im besten Fall schaut er auch noch mal auf seine eigene Wahrnehmung.
Du hast immer weiterfotografiert. Hattest Du trotz Einschüchterungen der Stasi niemals Angst?
Hauswald: Klar hatte ich auch Angst. Aber ich hatte ein Hintertürchen: Wenn mir etwas passiert, wollte ich einen Ausreiseantrag stellen. Mein Schutz war auch, dass ich in der Öffentlichkeit stand und viele West-Journalisten kannte. Ich wurde auch mehrmals von der Stasi verhört. Sie haben gegen mich wegen vier Paragraphen ermittelt: Weitergabe nicht geheimer Nachrichten, Agententätigkeit, Staatsfeindliche Hetze und Devisenvergehen. Klar, hatte ich Schiss, aber ich habe gemerkt, dass ich etwas erreichen kann. Es gab Ausstellungen, es gab Fanpost – ich hatte durch meine Fotos eine direkte Wirkung. Ein kleines bisschen war es das Abenteuer: Jetzt wischst Du dem Staat eins aus!
Von wie vielen Informellen Mitarbeitern wurdest Du bespitzelt?
Hauswald: Das waren ungefähr 35 bis 40 Personen. 12 haben dann sehr intensiv über mich berichtet.
Wie kommt es zum Namen „Radfahrer“? Die Stasi hatte Dir den Namen verpasst – weißt Du warum?
Hauswald: Anfang der 1980er Jahre hat ein Freund eine Fahrrad-Demo organisiert. Wir wollten vom Alexanderplatz zu fünfzigst die Schönhauserallee hochfahren. Ohne Plakate, ohne Sprechchor, nichts weiter. Ich hatte noch drei Freunden Bescheid gesagt und die Stasi dachte dann, ich wäre der Organisator. Ab da nannten sie mich „Radfahrer“. Das beruht auf einem doppelten Irrtum: Ich hatte weder die Demo organisiert, noch besaß ich ein Fahrrad.
Gibt es genügend Filme, die sich sachlich mit der DDR auseinandersetzen?
Hauswald: Ich finde sachliche Filme gab es bisher nur in Ansätzen. Der Ernst der Geschichte kommt in vielen Filmen überhaupt nicht rüber. Der einzige Film, der das meiner Meinung nach gut aufgegriffen hat, ist „Das Leben der Anderen“ – und den hat auch noch ein Wessi gemacht.
Marc, wirst Du dich filmisch weiter mit dem Thema beschäftigen?
Thümmler: Ja, ich arbeite momentan an einer Idee, die mir vor „Radfahrer“ gekommen ist. In Zusammenarbeit mit der Birthler-Behörde will ich eine Videoinstallation entwickeln, die auf Stasi-Videos basiert. Dabei fasziniert mich, dass diese Aufnahmen ungeachtet ihrer eigentlichen Funktion mitunter eine poetische Qualität entwickeln können.
Das Foto wurde mit freundlicher Genehmigung von Harald Hauswald veröffentlicht. Das Interview erschien zuerst bei Unaufgefordert, Nr. 182, 2009

Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr