Da die Schweizer Mitarbeiter des Sorgentelefons zu Weihnachten schlichtweg überlastet sind, hat die evangelische Kirche ihre Seelsorge-Hotline dieser Tage in ein Callcenter nach Indien ausgelagert. Dort werden jetzt Baumarktkunden und Selbstmörder gleichermassen betreut. Ein Krippenspiel aus Neu-Dehli.
Text: Martin Fischer und Laurence Thio
Als Rajiv Mutu in Neu-Dehli den Hörer entgegennimmt, geht es um Leben oder Tod. ‹Schweizerisch- evangelisches Sorgentelefon, wie kann ich Ihnen behilflich sein?› Er hat eine angenehme, serviceorientierte Stimme. Am anderen Ende: Salomon Rubin, total aufgelöst: ‹Ich will nicht mehr leben – ich mach jetzt Schluss.› Rajiv denkt: ‹Scheisse.› Der dritte Arbeitstag als Telefonseelsorger und gleich ein Selbstmörder. Er beginnt zu schwitzen, kratzt sich am Headset. ‹Scheisse, Scheisse, Scheisse!› Rajiv muss reagieren, cool bleiben, er loggt die Antwort ein, der Bildschirm schlägt seine nächste Frage vor: – Sie wissen, dass das Leben ein wertvolles Geschenk ist? sagt er. – Wertvolles Geschenk?! keift Rubin schrill zurück und hängt auf. Die Leitung ist tot. Rajiv erbleicht.
Baumarktkunden und Selbstmörder
Normalerweise betreut Rajiv Mutu die Hotline einer Baumarktkette. In der Adventszeit nimmt er jedoch auch die Anrufe des Sorgentelefons der evangelischen Kirche entgegen. Der Dienst ist neu. Eine Studie hatte festgestellt, dass sich die Neurosen junger Menschen zur Weihnachtszeit verschärfen. Sie sollen dann auch für Gott empfänglicher sein. Mit einer Plakatkampagne wurde die Hotline beworben. Aufgrund der Überlastung des Telefonservices – und vielleicht auch um Kosten zu sparen – wich der Schweizer Anbieter auf ein Callcenter in Neu- Dehli aus. Christlich sind die Arbeitsbedingungen dort allerdings nicht: gibt Rajiv eine falsche Antwort und bringt Rubin sich um, ist er fristlos gefeuert. Der Selbstmörder ruft wieder an: – Du willst mich nur fertigmachen, stimmt’s? Alle wollen sie mich fertigmachen. Alle! schreit er.
“Schauspieler – das ist ja das Problem!”
Puh, Rajiv ist wieder im Geschäft! – Wie war Ihr Name? Das ist Rajivs Trick von der Baumarkt-Hotline: frag die Leute nach ihrem Namen, lass sie dann ihre Beschwerde vortragen, sag dann: ‹Also Herr soundso, Sie haben dies und das und blablabla›, wiederhole einfach alles, was sie gesagt haben und sie sind zufrieden. Wieder scheint der Trick zu funktionieren: – Rubin, gibt der Selbstmörder in spe Auskunft. – Rubin, wiederholt Rajiv. Was sind Sie von Beruf, Herr Rubin? – Schauspieler, sagt er. Das ist ja das Problem. – Berufliche Probleme also, sagt Rajiv und schlägt das entsprechende Register auf seinem Computer auf. Probleme am Arbeitsplatz, mit Mitarbeitern und Vorgesetzten oder andere Probleme? liest er die Folgefragen ab. – Mit Vorgesetzten, sagt Rubin. – Und wie äussert sich Ihr Problem? fragt Rajiv. Aber auf diese Frage hatte nicht nur er, sondern auch Rubin gewartet.
Tipptopp konzentriert
Rubin schluchzt, steigert sich in einen Weinkrampf. Würde Rajiv schon etwas länger im Psychodienst arbeiten, würde er nun vielleicht mit den Augen rollen, doch er ist tipptopp konzentriert: – Erzählen Sie mir davon! Rubin beendet sein Weinen mit einem etwas affektierten Seufzer: – Ich habe die Rolle meines Lebens verloren – im Krippenspiel. – Krippenspiel? – Nicht irgendeines! Ein besonderes. Richtiges Theater, verstehst du? Im Berner Münster. Alle habe er schon eingeladen, die ganze Familie, alte Klassenkameraden, die heute Chefposten besetzen, seine Kollegen von der Schauspielschule, die schon alle den Macbeth gespielt haben. Und jetzt also auch er einmal in einer Hauptrolle: Josef! – Joseph? fragt Rajiv. Das Musical kenne er. – Theater! sagt Rubin beleidigt.
“Eine total abgefahrene, zerstörerische Vergewaltigungsszene…”
Musical ist mehr so für die Massen. Unser Krippenspiel, das ist zwar auch für die Massen, aber wir machen das mit künstlerischem Anspruch. Er gerät ins Erzählen. Genau hier wollte ihn Rajiv haben. Konzentriert schreibt er mit, um gleich alles zu wiederholen. – Das Krippenspiel ist ja ein Klassiker, fährt Rubin fort. Selbst Menschen, die dem Theater eher ferne stehen, kennen den Stoff. Deshalb hat der Rolf – das ist der Regisseur – eine moderne Adaption geschrieben. Rubin ist nun vollends in einer Beschreibung der modernen pseudoradikalen Inszenierung des Krippenspiels aufgegangen und gibt nach und nach die Highlights Preis. – Beispielsweise bei der Maria, da spielt der Ingo mit der Babette eine total abgefahrene, zerstörerische Vergewaltigungsszene. Viele meinten, dass sei frevlerisch, dass der Ingo den Gott spielt, aber ich fand die Besetzung okay. Rajiv spielt auf Zeit, er hat nicht den Hauch einer Idee, was Rubin da erzählt. – Verstehe, sagt er nur. – Naja, und ich sollte den Josef spielen. Ich weiss, was du jetzt denkst! Na komm, sag’s! Rajiv schwitzt, er denkt nichts, er weiss nur, dass er Rubin in der Leitung halten muss, der jetzt sehr verwirrt wirkt. – Sie haben damit ein Problem? versucht er. – NEIN, verdammt! explodiert Rubin. Kein Problem hatte ich, hörst du überhaupt zu?! Ich sollte den Josef spielen. Eigentlich eine lethargische Langweilerrolle, das wolltest du sagen! Aber Rolf hat mir den Josef auf den Leib geschrieben, ihn getunet und ihn zu einem komplexen, zerrissenen Charakter gemacht. Verstehst du? – Sie sind überfordert? fragt Rajiv vorsichtig. – Nein, genau mein Ding! Mein Josef wäre kaputt gewesen, innerlich am Zerbersten. Unterschwellig muss Josef doch gegen den Drang, sein Kind zu töten, ankämpfen. Ist doch klar!
Bevor das Kind geboren wurde
Aber bei der letzten Probe, da haben sie mich versetzt. Noch bevor das Kind geboren wurde. Und weisst du weshalb? Schnupfen. Plötzlich ist es ruhig, Rajiv befürchtet das Schlimmste. – Welches Kind? fragt er schnell. Er begreift noch immer nicht, dass er als Betreuer eines evangelischen Sorgentelefons die Weihnachtsgeschichte eigentlich kennen müsste. Er hätte sie doch noch auf Wikipedia nachschlagen sollen. Jetzt ist es zu spät. Rubin explodiert: – Okay, es reicht! keift er. Ich habe genug von diesem Theater! Ich gehe jetzt auf den Turm! flucht er und fügt nach einer theatralischen Pause hinzu: Und du bist schuld! Die Leitung verstummt.
“Ich mein das ernst!”
Nach zwei Jahren Baumarkt-Hotline glaubte Rajiv die Abgründe unserer Gesellschaft zu kennen. Er hat sie live miterlebt, die Dramen, die sich am Bau einer vorfabrizierten Gartenhütte entzünden. Er fühlt sich dann immer wie ein kleiner Regisseur. Er weiss, welche Schrauben man vergessen muss, um Dächer einstürzen zu lassen. Eigentlich spricht er nur Hochdeutsch. Aber wenn er vom Leid seiner Kunden erzählt, zitiert er belustigend Sätze wie ‹Gopfertammi diä huere Schisshüttä funktioniert überhaupt nöd!› Wieder kommt ein Anruf rein, wieder ist es Rubin, aber diesmal ist die Stimme schwer verständlich. Wind bläst durch die Hörmuschel. – Ich mein das ernst! schreit Rubin ins Telefon und tut so, als müsste er nicht nur akustisch gegen den Wind ankämpfen, als würde er sein Leben bereits auf der äussersten Kante balancieren, als wäre er King Kong am Münsterturm.
Als was springen Sie denn?
Ich habe mich jetzt umgezogen. Ich werde jetzt springen! – Umgezogen? Rajiv wird die Sache allmählich zu blöd. Als was springen Sie denn? Als Vogel? – Als Ochse, schluchzt Rubin, schluckt die Tränen und fügt trotzig hinzu: Die sollen nur sehen, was es heisst, jemanden vom Josef zum Ochsen zu machen. Diese Schweine! – Ich verstehe Ihr Problem, sagt Rajiv. Er mimt den Kundenberater nur noch sarkastisch. Sehen Sie Ihre Aufgabe als neue Herausforderung! Lustigerweise geht Rubin auf den Vorschlag sogar ein. – Ich soll ihn tänzerisch darstellen, lamentiert er. Ich fand das ja zuerst völlig daneben. Aber der Rolf meinte, die Rolle des Ochsen, also die Verkörperung des Proletariats, die sei im bürgerlichen Krippenspiel immer marginalisiert worden. Deshalb solle sich der Ochse jetzt tänzerisch erheben. Das find ich schon gut, jetzt mal so als Symbol. Verstehst du? – Nein Mann, ich verstehe kein Wort, gibt Rajiv zurück. Haben Sie eigentlich Freunde? Weil ich suche in meiner Liste einen Grund, der Sie vom Springen abhalten könnte. Wissen Sie, ihr Ochse ist mir völlig egal. Aber wenn Sie springen, dann heisst es in meinem Rapport ‹Falsche Information mit Todesfolge›. Und das kostet mich dann meine Stelle. Verstehen Sie? So richtig verstand das Rubin nicht. Gesprungen ist er aber doch nicht. Und der Ochsentanz durch das Berner Münster wurde in der Presse als ‹grazile tänzerische Offenbarung› gefeiert.
Der Text erschien zuerst im kinki-Magazin #20 2009.

Ich arbeite als freier Journalist in Berlin. Meine Schwerpunkte sind Bildung, Politik und Stadtkultur. Erfahren Sie mehr