Rainer Schottländer machte den Widerstand gegen die DDR zu seiner Lebensaufgabe. Seit dem Mauerfall schlägt er ins Leere.

Text: Ann-Kathrin Nezik, Laurence Thio   Foto: Viktor Rosenfeld

Der Mann, der die Stasi an der Nase herumführte, rennt durch das voll gestopfte Arbeitszimmer seines Hauses in Berlin-Köpenick. Hier hat Rainer Schottländer den Großteil seines Lebens verbracht. In München, in den USA hat er gelebt, doch letztlich ist er immer wieder in dieses Haus zurückgekehrt. Es ist seine Insel. Der Rückzugsort für einen Mann, der den Widerstand gegen den Staat zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Rainer Schottländer eilt von einer Ecke zur nächsten, kramt zwischen Büchern und Erinnerungsstücken, auf der Suche nach der Geschichte, die sein Leben geprägt hat: grüner Einschlag, 176 Seiten, publiziert im Eigenverlag, der Titel: “Das teuerste Flugblatt der Welt”. Früher war Schottländers Gegner die SED, die ihm Freiheit und Selbstbestimmung nahm. Heute führt er seinen Kampf unerbittlich weiter, gegen das, was er “Steuerstasi” nennt.

Schottländer eckt an

Die Geschichte von Rainer Schottländer hätte auch gut einen ganz anderen Lauf nehmen können. Denn geboren wird er 1949 in West-Berlin. Erst mit dem Bau der Mauer zieht seine Familie in der Ost-Teil der Stadt, gezwungenermaßen: Schottländers Vater, Rudolf Schottländer, der an der Humboldt-Universität Latein und Griechisch lehrt, hatte man vor die Wahl gestellt: Umzug nach Ost-Berlin oder der Verlust seiner Professur. Die Familie zieht nach Köpenick. Mit 17 Jahren eckt Schottländer das erste Mal heftig an. Er will einer Mitschülerin, die einen systemkritischen Aufsatz verfasst hat, helfen und sammelt auf dem Schulhof Unterschriften. “Das ist mein Schulverweis, den ich für die Unterschriftenaktion erhalten habe”, sagt Schottländer und zeigt auf eine Seite in seinem Buch. Akribisch hat er darin alles, was der SED-Staat über ihn festhielt, zusammengetragen.

Durch und durch bürgerlich

Bei Schottländers zu Hause hält man damals wenig vom Sozialismus. Rudolf Schottländer ist durch und durch bürgerlich, ein Humanist, der Sophokles übersetzt, anstatt marxistische Theoreme aufzustellen. In Rainer Schottländers Wohnzimmer hängt ein Gemälde seines Vaters aus dessen Kindertagen. Wenn Schottländer am Schreibtisch sitzt, blickt ihm der Junge im Matrosenanzug von hinten über die Schulter. Das Haus der Familie wird in diesen Jahren zu einem Treffpunkt für Intellektuelle und Andersdenkende. Robert Havemann und Wolf Biermann sitzen regelmäßig im Garten, in dem heute Holunder und Brennnessel wuchern, und diskutieren – und Rainer Schottländer hört interessiert zu. Nachdem er das Abitur nachgeholt hat, schreibt er sich 1967 an der Humboldt-Universität ein. Physik will er studieren. Auch muss er Pflichtsportstunden absolvieren und wählt das Boxen. Gedrungene Figur, breite Schultern und ein wacher Blick – auch heute sieht er noch wie ein Boxer aus.

“Wie die Geschwister Scholl…”

Im Sommer 1968 rollen in Prag die sowjetischen Panzer ein und Schottländer erlebt mit, wie das, was sich viele DDR-Bürger als einen besseren Sozialismus vorgestellt hatten, blutig niedergeschlagen wird. Ab da steht für ihn fest: Wir müssen etwas tun. In seinem Kommilitonen Michael Müller, ein Pfarrerssohn, findet er einen Vertrauten und Mitstreiter. “Wir haben uns gesagt: Wir machen eine ähnlich Aktion wie die Geschwister Scholl. Nur den Fehler, uns erwischen zu lassen, den machen wir nicht”, sagt Schottländer. Schritt für Schritt setzen sie ihren Plan in die Tat um: Zuerst besorgt Michael Müller in seiner Heimatstadt Zwickau die Schreibmaschine, ein altes Modell, das nicht offiziell registriert ist. Nachts schreiben die beiden Flugblätter, fünfhundert Stück. Früh morgens gehen sie in die Uni und legen die Flugblätter im Hörsaal 2002 aus. “Geht nicht mehr zu dieser Gesellschaftswissenschaftlichen Vorlesung”, steht darauf, eine brisante Forderung. Die Gesellschaftswissenschaftliche Vorlesung war für jeden DDR-Studierenden Pflicht, hier wurden sie in Marxismus-Leninismus unterrichtet. “Uns war klar, dass wir dafür fünf Jahre bekommen könnten”, sagt Schottländer.

Empfindliche Schläge

Kaum haben er und Müller die Flugblätter verteilt, springt der Stasi-Apparat an. Das Flugblatt wird kriminaltechnisch untersucht, tausende Briefe werden mit der Schrift des Flugblatts verglichen. An den Eingängen der Humboldt-Universität gibt es Taschenkontrollen. Dreimal legen Schottländer und Müller die Flugblätter aus, dreimal verpassen sie der Stasi damit empfindliche Schläge. Unter den Studierenden sorgt das Flugblatt allerdings für wenig Resonanz. Die wenigen Flugblätter, die nicht von Parteigenossen eingesammelt wurden, geben Schottländers Mitstudierende stillschweigend ab. Die Angepassten, die Schweiger, die sich in einer ruhigen Existenz einrichteten – wenn Schottländer an sie denkt, bekommt seine Stimme einen scharfen Ton. Sein ganzer Oberkörper steht dann unter Spannung und er wirft seine Schultern abwechselnd nach vorne, als könnte er die ihm Unerträglichen so nachträglich ausknocken.

Der DDR den Rücken kehren

Die Stasi heftet sich schließlich an Schottländers Fersen, durchsucht seine Wohnung. Verraten hatte ihn “IM Tiger”, sein damaliger Sparring-Partner. Die Flugblattaktion kann die Stasi ihm und Michael Müller letztendlich aber nicht nachweisen. Dennoch wird er 1971 wegen “staatsfeindlicher Haltung” von der Universität geschmissen, etwas, das ihn schwer trifft. “Da habe ich mir gesagt: Jetzt reicht’s”, sagt Schottländer. “Wenn irgendein abgebrochener Parteisoldat, die besten Leute rausschmeißen kann – und dazu gehörte ich nun mal – können die ihren Sozialismus alleine aufbauen.” Schottländer beschließt, der DDR endgültig den Rücken zu kehren. Drei Tage lang läuft er zu Fuß zur ungarisch-jugoslawischen Grenze. Die Volkspolizei wartet bereits auf ihn. Er landet im Stasi-Untersuchungsgefängnis Pankow und wird wegen illegaler Grenzüberschreitung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die monatelange Isolationshaft ist für ihn, den Umtriebigen, das Schlimmste. Das Blindschachspielen per Morsezeichen mit dem Häftling in der Nebenzelle ist die einzige Ablenkung. Schließlich wird er von der Bundesrepublik freigekauft, am 13. November 1972 überquert er die Grenze.

Sein Spitzname damals war “Knete”

Schottländer ist in Freiheit, muss sich keine Kämpfe mehr liefern. Ein rastloses Leben mit schnell wechselnden Stationen beginnt: Er zieht nach München, beendet sein Studium, arbeitet für das Max-Planck-Institut, kündigt, schreibt als Redakteur für das Elektronik-Journal und kündigt abermals. Danach arbeitet er als Hilfsarbeiter und gründet einen Handwerksbetrieb. Etwas anders als der Widerstand treibt ihn in dieser Zeit an: “Wenn ich morgens aufgewacht bin, hatte ich Dollar-Zeichen in den Augen”, sagt Schottländer, sein Spitzname damals war “Knete”. Ende der 80er Jahre wandert Schottländer in die USA aus, um Songwriter in San Diego zu werden. Er spielt auf der Straße, schlägt sich durch: “Ich habe gefightet wie ein Ochse.”

“Wenn die Steuer-Stasi kommt”

Anfang der 90er Jahre kehrt er in das Haus seiner Eltern zurück. Die DDR war k.o. und Schottländer verstrickt sich fortan in aufreibende Auseinandersetzung mit der BRD. Der Staat sei bankrott, sagt er, und solle sich zurückziehen. Aus diesem Grund weigert er sich seit 1996 KFZ-Steuer zu zahlen: “Wenn die Steuer-Stasi kommt, dann klapp ich das Visier runter.” Er schreibt spöttische Briefe, prozessiert, verhöhnt die “staatsnahen Richter” und lässt sich schließlich für fünf Tage in die Vollzugsanstalt Plötzensee einsperren. Über seinen Widerstand schreibt er unermüdlich in seiner Briefserie “Chroniken des Staatsbankrotts”. Er verschickt die Briefe ungefragt an Medienvertreter, Politiker und Bekannte. Sie sind kryptisch und gleichen einem Inneren Monolog Schottländers. Mehr als 5000 dieser Briefe hat er bereits verfasst – Antworten hat er kaum erhalten.

Schattenboxen und Ausdauerlaufen

Mit dem Boxen hat Schottländer inzwischen aufgehört, doch die Mentalität hat er sich bewahrt. Sein heutiger Kampf gegen den Staat hat etwas von Schattenboxen. Schottländers Attacken treffen ins Leere. Statt des Boxens hat er mit dem Ausdauerlaufen begonnen. Im Flur hängen seine Trophäen: eine Marathon-Medaille und sein erster Scheck als Musiker. Plötzlich fällt ihm auf, dass das Flugblatt fehlt. Er eilt davon.

Dieser Text erschien zuerst in der Jubiläumsausgabe der Unaufgefordert,  November 2009.